Samsung Galaxy S6 Testbericht: Dass ich das noch erleben darf

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Ich falle heute mal mit der Tür ins Haus: Das Galaxy S6 ist das meiner Ansicht nach beste Smartphone, das ich bisher in den Händen hatte. Wer sich an einer mittelmäßigen Akkulaufzeit nicht stört, kann hier aufhören zu lesen und bedenkenlos zugreifen. Wer sich jedoch für die genauen Gründe meines überschwenglichen Lobes interessiert, ist herzlich willkommen bei meinem Testbericht zum „Es geht doch“-Phone aus dem Hause Samsung!

Inhaltsverzeichnis

1. Aller guten Dinge sind … sechs?

2. Der Blick auf die Hardware
2.1 Handhabung und Design
2.2 Das Display: Quad-HD richtig gemacht
2.3 Die Kamera
2.4 Der Fingerabdrucksensor: Endlich brauchbar, aber …
2.5 Akkulaufzeit, Tonqualität und Sonstiges
2.6 Mein Hardware-Fazit: Es geht doch!

3. Mein Eindruck von der Software
3.1 TouchWiz, Android Lollipop und die Frage nach dem Bedienkomfort
3.2 Samsung und der Feature-Overkill
3.3 Software-Fazit zum Galaxy S6

4. Abschließende Wertung und Vergleich

1. Aller guten Dinge sind … sechs?

Die Galaxy Serie gehört neben den iPhones mittlerweile zu den Oldies der Smartphone-Branche. Wie jeder große Hersteller setzt Samsung seiner Flagschiff-Serie jedes Jahr einen drauf. So kommt es, dass wir seit 2010 nun schon das sechste Galaxy S begrüßen dürfen. Der anfängliche Erfolg machte allerdings träge und das merkte man der Galaxy-Reihe zuletzt deutlich an. Der Vorgänger, das Galaxy S5, wirkte wie ein uninspiriertes Update und erregte nur höfliches Lob bei den Kritikern. In meinem eigenen Review attestierte ich dem Galaxy S5 zwar lobenswerte Qualitäten im Bereich der Kamera, der Akkulaufzeit und des Displays, aber wirkliche Begeisterung löste Samsung damals nicht bei mir aus. Damit war ich nicht allein, wie die Umsatzzahlen Ende 2014 belegten.

Ein Neuanfang musste her. Zwar wagte sich Samsung zwischenzeitlich bereits zaghaft mit dem Galaxy Alpha in unbekannte Gefilde vor. Der neue Metallrahmen konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der wahre Befreiungsschlag noch ausstand. Vorhang auf für das Galaxy S6, das ich seit gut 2 Wochen als Leihgabe von Samsung testen konnte:

Die wichtigsten Daten zum Galaxy S6
Displaygröße 5,1 Zoll
Auflösung 2560 x 1440 Pixel (576 PPI)
Gehäuse 143.4 x 70.5 x 6.8 mm (138 Gramm)
Prozessor Samsung Exynos 7420 (4x 2,1 GHz, 4x 1,5 GHz)
Grafik Mali-T760
Arbeitsspeicher 3 GB
verbauter Speicher 32 GB, 64 GB, 128 GB, nicht erweiterbar
Kamera 16 MP Rück- und 5 MP Vorderseite, LED-Blitz
Akku 2550 mAh (nicht wechselbar)
Farben schwarz, weiss, blau, gold
Datennetz LTE (Cat-6) bis 300 MBit/s
WLan 802.11 ac/b/g/n
Bluetooth 4.0 mit A2DP und LE
GPS A-GPS und GLONASS
NFC Ja
Betriebssystem (Stand: 02.05.2015) Android 5.0.2
Preis ca. 700 €

2. Der Blick auf die Hardware

Plastik oder Metall? Wechselcover oder Unibody? An Samsungs Flagschiff-Serie haben sich schon immer die Geister geschieden. Das wird sich beim Galaxy S6 kaum ändern, dafür sind Samsungs Entscheidungen wieder einmal zu einseitig: Früher mussten wir flatterige Rückseiten erdulden, erhielten dafür aber die Möglichkeit, den Akku auszutauschen oder eine SD-Karte einzusetzen. Heute spendiert uns Samsung eine hochwertige Glas- und Metallkonstruktion, streicht dafür aber die flexiblen Erweiterungsmöglichkeiten. Mir persönlich ist dieser Kompromiss aber sehr recht, wenn dabei ein derart gelungenes Gerät herauskommt.

2.1. Handhabung und Design

Das Galaxy Alpha war also keine Eintagsfliege. Wer sich gefragt hat, ob auch die Flagschiff-Serie dieses Jahr den Schritt in die metallene Zukunft wagen würde, hat nun die Antwort: Ja, auch das S6 verabschiedet sich von Kunststoff und Gummi-Feeling. Stattdessen gibt es nun endlich eine Verarbeitung, die dem hohen Preis angemessen ist. Das Gehäuse wird von einem Metallrahmen eingefasst und erinnert mit seiner Glasrückseite teilweise an das Google Nexus 4 und ganz entfernt auch an das iPhone 4S.  Leider hat Samsung den seitlichen Metallrahmen nicht ganz so kantig designt wie beim Galaxy Alpha, was ich durchaus bedaure. Die Seiten sind aber immerhin dezent angeflacht, was die Griffigkeit und Handhabung ungemein steigert. Für alle, die mein Review zum iPhone 6 nicht kennen: Einer der großen Kritikpunkte war dort die extrem runde und rutschige Bauform. Diesen Kritikpunkt beseitigt das S6 mit seinen begradigten Kanten gekonnt. Kurzum: Das iPhone 6 gefiel mir in der Handhabung überhaupt nicht, während ich das S6 extrem gern bediene.

Über Geschmack lässt sich streiten. Nicht jedem wird die empfindliche Glasrückseite gefallen. Und ja, die Unterseite sieht dem iPhone 6 wirklich verdammt ähnlich. Nach knapp 2 Wochen Alltagsnutzung kann ich aber nichts anderes sagen, als dass mir das Galaxy S6 in der Bedienung irre gut gefällt. Es liegt sehr angenehm in der Hand und erweckt gleichzeitig nicht den Eindruck, mir jederzeit aus eben jener zu gleiten. Das Gewicht ist mit knapp unter 140 Gramm für ein 5,1 Zoll Gerät sehr leicht und dank der extrem kleinen Seitenränder ist das S6 trotz des 5,1 Zoll Display schmaler als z.B. das 5 Zoll Lumia 930 oder der gleichgroße Vorgänger, das Galaxy S5. Die knackig präzisen Tasten sorgen zusätzlich für ein hochwertiges Bediengefühl und die Platzierung des Power-Buttons als einzige Taste der rechten Seite ist für den Daumen perfekt gewählt.

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Trotz 5,1 Display Zoll noch angenehm handlich

Für mich persönlich ist der Verlust des SD-Kartenslots kein großes Drama. Dank Spotifiy, Netflix und Co bin ich von lokalen Datensammlungen sehr unabhängig geworden. Natürlich hat üppiger interner Speicher aber seine Berechtigung, weshalb ich es sehr begrüße, dass Samsung das Galaxy S6 in der Grundversion bereits mit 32 GB ausstattet. Apple hingegen lässt das iPhone 6 noch immer bei 16 GB starten. Wirklich notwendig ist der Verzicht auf diese Erweiterbarkeit zudem nicht: HTC zeigte mit dem One (M8), dass sich Metall-Unibody und SD-Kartenslot gut vereinbaren lassen. Samsung scheint schlicht mehr Gewicht auf eine ungebrochene Optik des Metallrahmens gelegt zu haben und hat dafür den Steckplatz geopfert. Mit Blick auf den überbevölkerten Rahmen des HTC One M9 kann ich das durchaus nachvollziehen.

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Ja, die Ähnlichkeit zum iPhone ist nicht zu leugnen

Nach fünf Generationen Plastik-Smartphones hat Samsung mit dem Galaxy S6 das erste Smartphone gebaut, das ich nicht nur wohlwollend zur Kenntnis nehme, sondern absolut überzeugend und fast schon perfekt finde. Die Kritikpunkte sind minimal: Die Glasrückseite ist natürlich anfällig für Fettfinger, der Kamera-Hügel ist keine Schönheit und die Navigationstasten sind nicht manuell dimmbar. Das ändert aber nichts daran, dass das Gefühl in der Hand extrem gelungen ist. Das Gerät ist vor allem für sein 5,1 Zoll Display bemerkenswert schmal und leicht ist. Ich bin defintiv beeindruckt!

2.2 Das Display: Quad-HD richtig gemacht!

Das zweite Highlight ist natürlich das Display. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Hersteller ein Quad-HD-Display in einem Smartphone verbaut. LG hat mit dem LG G3 im Sommer 2014 bereits diesen Schritt gewagt und auch Samsung konnte erste Erfahrungen mit so hochauflösenden Displays in der Galaxy Note Baureihe machen. In meinem eigenen Review zum LG G3 musste ich aber feststellen, dass LG mit der hohen Auflösung und besonders der Schriftdarstellung so seine Probleme hatte. Das Galaxy Note 4 verfügt ohnehin über ein deutlich größeres Display, was die Herausforderungen bei der Displaytechnik etwas reduziert. Das Galaxy S6 hingegen quetscht die 2560 x 1440 Pixel in ein nur 5,1 Zoll kleines Display und erreicht damit eine Pixeldichte von schwindelerregenden 576 PPI.

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Das Display: Von der Schärfe bis zur Bildqualität eine reine Freude

Über den Sinn oder Unsinn dieser immer höheren Auflösungen wird seit dem Retina-Marketing von Apple gestritten. Dass sie aber tatsächlich eine Daseinsberechtigung haben, habe ich bereits ausführlich in meinem Artikel „Retina, Quad HD & Co: Wieviele Pixel braucht ein Smartphone?“ beschrieben. Anders als bei LG ist die hohe Auflösung beim S6 zudem nicht bloße Zahlenspielerei, sondern Teil des mit Abstand besten Smartphone-Displays, das ich je gesehen. Die Schärfe der Schriftdarstellung ist eine schiere Freude. Der Kontrast und die Details sind derart knackig, dass das Gefühl, bedrucktes Papier zu lesen, zum Greifen nahe ist. Hinzu kommt die bei Samsung übliche Qualität in der Helligkeit und der Farbdarstellung. Zwar ist das Amoled-Display in der Standardeinstellung wie gewohnt quietschbunt, aber der Modus „Amoled-Foto“ zeigt sich sofort angenehm dezent und neutral.

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Im „Amoled-Foto“ Modus sind die Farben natürlicher

Wer auch nur im Entferntesten auf gute Displayqualität Wert legt, wird beim Galaxy S6 vor Freude quiecken. In gewisser Weise kombiniert das Galaxy S6 mit seiner griffigeren Bauform, dem trotzdem gelungenen Design, der effizienten Gehäuseausnutzung und dem phenomenalen Display all die Stärken, die ich mir vom iPhone 6 erwartet hatte.

2.3 Die Kamera

Nahtlos in meine Lobeshymne reiht sich auch das Kapitel Kamera ein. Das liegt einerseits an dem optisch stabilisierten 16 Megapixel-Sensor mit f/1.9 Blende und andererseits an der sehr gelungenen Kamera-Software. Für  die meisten Nutzer sind beim Thema Kamera drei Faktoren wichtig: Die Kamera muss zuverlässig gute Bilder liefern, schnell starten und unkompliziert zu bedienen sein. In all diesen Disziplinen kam bisher kaum eine Kamera an das iPhone heran. Das Galaxy S6 schafft genau das in meinen Augen erstmalig. Egal in welcher Situation: 95 % der Fotos gelingen beim ersten Versuch. Hier ein paar Beispiele:

Im Automatik-Modus ist die Kamera einfach extrem zuverlässig. Aber nicht nur die Resultate stimmen, auch die Bedienung ist endlich gelungen minimalistisch. Alle wichtigen Funktionen sind direkt anwählbar und unter dem Button „Modus“ sind übersichtlich die restlichen Funktionen erreichbar. Statt den Nutzer wie früher mit dutzenden Gimmicks zu bomardieren, sind nun Standards wie Zeitlupe, selektiver Fokus und Panorama ordentlich sortiert. Neu ist zudem der Pro-Modus, der über Schieberegler manuellen Weißabgleich oder Fokus erlaubt. Die Steuerung ist dabei zwar nicht so intuitiv wie die Lumia Camera 5 von Microsoft, aber doch so einfach, dass nicht die Gefahr besteht, von der Bedienoberfläche erschlagen zu werden.

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Die Kamera-Bedienoberfläche wirkt aufgeräumt und verständlich

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Hinter „Modus“ verbergen sich gut sortierte Sonderfunktionen und der Pro-Modus

Dazu gesellt sich dann noch die gewohnt gute Videoaufnahme, die neben 4K Aufnahmen auch 1080p mit 60 Hz schafft, sowie eine 5 Megapixel Frontkamera. Auch bezüglich der Kamera kann ich deshalb nur sagen: Alles richtig gemacht, Samsung! Besonders der irre praktische Doppelklick auf den Homebutton ist ein Geniestreich. Die Kamera startet so von überall binnen Augenblicken und ist stets startklar, wenn das Motiv es verlangt. Man könnte noch viel über die f/1.9 Blende sagen und über deren Auswirkungen auf Tiefenschärfe oder Low-Light-Qualität, aber für mich liegt die wahre Stärke der Kamera des Galaxy S6 darin, dass sie endlich so verlässlich ist, dass ich in allen Situation ohne Aufwand klasse Bilder bekomme. Das konnte ich bisher nur von den iPhones sagen. Bisher!

2.4 Der Fingerabdrucksensor: Endlich brauchbar, aber …

Seitdem das iPhone 5S im Herbst 2013 mit der TouchID-Plattform das Thema „Fingerabdrucksensor auf Smartphones“ salonfähig machte, versuchten viele Hersteller erfolglos, das zuverlässige und einfache Konzept von Apple zu imitieren. HTC und Huawei platzierten den Sensor auf der Rückseite und scheiterten, Samsung versuchte es mit einer Streichbewegung über den Homebutton und scheiterte. Das Galaxy S6 hat den Anschluss nun geschafft. Der Sensor im Homebutton registriert den Finger nun beim bloßen Auflegen und entsperrt das Gerät schnell und zuverlässig.

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Der Fingerabdrucksensor ist endlich auf iPhone-Niveau

So jedenfalls liest man allerorten und ich habe keinen Anlass, an diesen Berichten zu zweifeln. Selbst habe ich den Sensor nämlich abermals nicht benutzt. Das liegt aber nicht mehr daran, dass der Mehrwert wie beim Galaxy S5 und Galaxy Alpha schlicht nicht vorhanden war, sondern daran, dass Samsung wie beim Galaxy S5 nicht in der Lage oder willens ist, mir genauere technische Nachfragen zu beantworten: Wo wird der Fingerabdruck gespeichert? Wie wird der Abdruck gespeichert? Haben Dienste wie zum Beispiel Paypal oder Samsung Pay Zugriff? Wie ist der Abdruck gesichert? All diese wichtigen Punkte hat Apple noch während der Vorstellung des iPhone 5S ausführlich adressiert und erklärt, dass der Abdruck nicht als bildliche Kopie, sondern als mathematischer Hashwert gespeichert wird. Zudem wird er bei Apple in einem gesicherten seperaten Bereich des Chips gespeichert, auf den Apps keinen Zugriff haben, sondern lediglich auf Anfrage die Antwort „Ja, passt“ und „Nein, stimmt nicht überein“ erhalten. Diese Art der technischen Transparenz fehlt bei Samsung nach wie vor und solange ich diesbezüglich keine Details erfahre, vertraue ich Samsung meine biometrischen Daten auch nicht an. Die Gefahren sind mir dafür noch zu ungewiss, wie ich ausführlich in meinem Artikel „Fingerabdrucksensoren und Smartphones: Warum ich skeptisch bleibe!“ erklärt habe.

2.5 Akkulauf, Tonqualität und Sonstiges

Nach all dem Lob kommen wir jetzt zur Achillesverse des Galaxy S6. Das herrlich kompakte Gehäuse, das geringe Gewicht und das phantastische Display lassen erahnen, vor welchen Herausforderungen der Akku steht. Und mit einer Kapazität von nur 2550 mAh muss man fast sagen: „Das S6 ist an dieser Herausforderung gescheitert“. Einsteiger und Mid-Range-Geräte müssen mit ähnlicher Kapazität deutlich entspanntere Hardware durchfüttern. Das Lumia 640 beispielsweise kommt mit einem ähnlich großen Akku und einem Viertel der Displayauflösung auf sehr gute Laufzeiten. Das Galaxy S6 hingegen schafft es gerade einmal, mit dem Nexus 5 oder dem iPhone 5S gleichzuziehen. Beide sind für ihre Schwachbrüstigkeit bekannt und schaffen es bei meiner anspruchsvollen Alltagsnutzung kaum durch den Tag. Mit dauerhaft gepairter Pebble Steel oder Android Wear Smartwatch, viel Streaming von Musik über Bluetooth und WLan und dem üblichen Surfen, Chatten und Twittern schafft es das Galaxy S6 regelmäßig nur auf knapp 3 Stunden Display-On-Time. Oder anders gesagt: nicht selten muss das S6 mittags bei mir zum Nachtanken an die Steckdose. Das ist sicher ein Extremszenario, aber zeigt, was Nutzer mit mäßigerem Nutzungsverhalten erwarten dürfen.

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Die Akkulaufzeit ist die klare Schwäche des Galaxy S6

Ob all das ein K.O. Kritierium sein muss, hängt von den eigenen Umständen ab. Für mich ist es aus vielen Gründen verschmerzbar. Der größte Grund dafür, dass ich mit der Laufzeit keine Probleme habe, ist das integrierte drahtlose Laden und vor allem das Quick-Charging. Ersteres führt dazu, dass ich auf allen QI-Ladestationen jederzeit nachtanken kann und sogar erstmalig der konkurrierende Powermat-Standard parallel unterstützt wird. Vor allem aber ist das Galaxy S6 über den mitgelieferten „Adaptive Quick Charging“ Stecker binnen 75 Minuten vollgeladen. Von 4 % auf 100 % habe ich tatsächlich nur eine Stunde und 15 Minuten gemessen. Wer wie ich beruflich und privat nicht auf extreme Unabhängkeit von Steckdosen angewiesen ist, bekommt also einen Kompromiss: Die Laufzeit ist nicht überragend, aber das Gerät bleibt handlich und ist binnen kurzer Zeit wieder vollgeladen. Für mich ist das ein guter Kompromiss. Für andere mag es ein schlechter sein.

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Der Lautsprecher kann leicht verdeckt werden

Ansprechen möchte ich auch noch den Lautsprecher, der endlich nicht mehr rückseitig verbaut, sondern am unteren Ende positioniert ist. Das ist gut, weil der Ton so nicht vom Tisch geschluckt wird und schlecht, weil man den Lautsprecher im Landscape-Modus schnell mit dem Zeigefinger verdeckt. Die Qualität selbst habe ich nicht als bemerkenswert besser oder schlechter als bei anderen Smartphones empfunden. Den verhältnismäßig satten Boomsound von HTC kann das Galaxy S6 aber nicht toppen.

Zum Ende auch noch der Hinweis auf „Samsung Pay“. Im Galaxy S6 ist die Möglichkeit integriert, nicht nur via NFC drahtlos zu bezahlen (so bei Apple Pay), sondern auch an Terminals mit proprietären Magnetstreifen-Lesegeräten. Diese Funktion ist aber noch nicht offiziell von Samsung freigeschaltet und ihr praktischer Nutzen in Deutschland dürfte sich fürs Erste in Grenzen halten: Wie so oft konzentriert sich Samsung hier zunächst auf den US-Markt (und Süd-Korea).

2.6 Mein Hardware-Fazit: Es geht doch!

Das Galaxy S6 ist alles, was ich mir jahrelang von Samsungs Hardware gewünscht habe. Kein Plastik mehr, kein unreifes Design, kein billiges Bediengefühl. Stattdessen Metallrahmen, Glas-Sandwich und bis ins Detail hochwertige Verarbeitung. All das bekommt man in Teilen zwar auch von anderen Herstellern, allen voran Apple und HTC, aber nur das Galaxy S6 vereint alle Stärken in nur einem Gerät. Weder das iPhone 6 noch HTC kombinieren ein derart brilliantes Display, eine so gelungene Kamera oder ein – gemessen an der Displaygröße – so handliches Gerät. Für mich ist das Galaxy S6 das erste Smartphone, bei dem ich keinerlei Kompromisse eingehen müsste. Verarbeitung, Design und Kamera sind allesamt auf Referenzniveau. Nur die Akkulaufzeit drückt auf die Stimmung, ist für mich aus den genannten Gründen aber verschmerzbar. Nach all den Jahren geht daher ein erleichterter Seufzer Richtung Samsung: „Es geht doch“!

3. Die Software: Endlich der Neuanfang

So sehr die Hardware in fast allen Bereich überzeugt, so wenig ist das überraschend. Das Galaxy Note 4 hat bereits gezeigt, zu was für Displays Samsung fähig ist. Das Galaxy Alpha hat erahnen lassen, in welche Richtung das Smartphone-Design geht und die Kameras waren bei Samsung ohnehin schon immer sehr gut. Die wirklich entscheidende Schlacht war in der Software-Kategorie zu gewinnen. Seit Angebinn der Android-Zeitrechung ist Samsungs TouchWiz die wohl kontroverseste Android-Oberfläche. Schlechte Performance, überladene Bedienelemente und einfach ein miserables Nutzererlebnis haben TouchWiz auch für mich stets zur Zielscheibe von Kritik gemacht. Die wahre Sensation am Galaxy S6 ist daher für mich: Das Bedienerlebnis und die Performance sind nicht nur besser, sie sind erstklassig.

3.1. TouchWiz, Android Lollipop und die Frage nach dem Bedienkomfort

Nachdem ich das Galaxy S6 aus seiner Verpackung befreit hatte, wurde schnell klar, dass die Hardware Bestnoten bekommen würde. Aber derartige Erlebnisse habe ich häufiger: Etwa beim Galaxy Alpha, das ich mit der Überschrift „Design-Neustart mit Software-Altlasten“ abstrafen musste oder beim Moto G (2014). Und auch das Galaxy S5 vom letzten Jahr konnte die Versprechen nicht halten, die Samsung Jahr für Jahr macht. Ich war also darauf vorbereitet, nach ein bis zwei Tagen das typische TouchWiz Feeling zu bekommen: Ruckler, Lags und einfach ein ungemütliches Bedienerlebnis.

Doch die Tage gingen ins Land und wer meine Updates bei Twitter verfolgt hat, konnte verfolgen wie ich Tag für Tag nur bestätigen konnte: Es läuft noch immer klasse. Nach nun fast 2 Wochen mit dem Galaxy S6 bleibt mir daher nichts anderes übrig als zu kapitulieren: Die Software auf dem Galaxy S6 läuft wie geschmiert. Mein Maßstab ist dabei etwa das HTC One (M8), das bisher meine Referenz in flüssiger und ruckelfreier Bedienung war. Das Galaxy S6 toppt es aber tatsächlich! Die Animationen in TouchWiz sind gelungen schnell, die Bedienelemente reagieren nahtlos und flüssig auf alle Eingaben und egal wo man sucht: Lag und Verzögerungen sucht man vergebens. Der Samsung-eigene Prozessor mit zwei Quadcores, die 3 GB Arbeitsspeicher und der extra schnelle interne Speicher dürften ihr übriges für die gute Perfomance tun.

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Die Software läuft wie geschmiert

Das alles ist um so bemerkenswerter, weil auf dem Galaxy S6 aktuell nur Android 5.0.2 läuft. Damit ist der berüchtigte Memory Leak Bug, der mein Review zum Moto G (2014) teilweise zu einem zuckeligen Alptraum machte, prinzipiell noch vorhanden. Auch nach Tagen ohne Reboot konnte ich aber keines der Symptome dieses Fehler bemerken. Entweder hat Samsung den Fehler selber gefixt oder einfach bei Google schon den Fix angefordert (der soll im AOSP-Code nämlich schon vorhanden sein). Jüngsten Berichten zu Folge gibt es allerdings ganz eigene Hardwareprobleme mit den Speicherchips im Galaxy S6. Von denen war mein Testgerät aber offensichtlich nicht betroffen.

Was übrig bleibt ist das flüssigste TouchWiz oder sogar das flüssigste Android Lollipop, das ich bisher benutzt habe. Leider ist Samsungs Handschrift im Übrigen noch deutlich spürbar. Kurzzeitig machte zwar die Nachricht die Runde, dass Samsung sich bei der Anpassung der Android-Oberfläche zurücknehmen würde, aber davon ist eher wenig zu sehen. Immerhin übernimmt Samsung das neue Karten-basierte Benachrichtigungskonzept von Android Lollipop und die Oberfläche wirkt ganz allgemein abstrakter und schlichter, aber man sieht noch immer die bekannten altbackenen Bedienelemente wie einen offenen Briefumschlag als Symbol für die Nachrichten-App und viele bunte und grelle Bedienelemente.

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Die Benachrichtigungen sind im Android Lollipop Stil

Auch das ein oder andere Überbleibsel der früheren Nature UX Designsprache ist noch vorhanden, wie etwa die plätschernde Wasserspur auf dem Lockscreen beim Entsperren. Der typische TouchWiz-Look ist damit zwar gedämpft worden, aber immer noch deutlich wahrnehmbar. Glücklicherweise lassen sich viele der Bedienelemente mit anderen Launchern und Tastaturen schnell persönlich anpassen, wovon ich etwa mit dem Google Now Launcher auch Gebrauch  gemacht habe.

3.2. Samsung und der Feature-Overkill

Neben der Performance und dem verspielten Look ist Samsungs Software stets auch bekannt für eine Flut an Features, Extras und Gimmicks. Auch hier geht der Trend zwar eindeutig in Richtung weniger ist mehr, aber auch auf dem Galaxy S6 findet man noch immer genug Funktionen, die wahrscheinlich nie jemand nutzen wird. Zu den nervigsten oder überflüssigten Samsung Extras gehören sicherlich S-Voice, die penetrante QuickConnect-Funktion oder die Screenshot-Geste, bei der man mit dem Handrücken über das Display wischt. Auch hier ist aber erkennbar, dass Samsung sich langsam zurücknimmt. Von den früheren Unmengen an Gesten und Smart-Funktionen sind nur einige übrig geblieben, wie etwa Smartstay, wodurch das Display aktiviert bleibt, solange man es anschaut. Andere, wie das anpassbare Schnellzugriff-Menü, wirken aufgeräumter.

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Typisch Samsung: So manche sinnloses Gimmick in TouchWiz

Eine Funktion muss ich allerdings lobend herausgreifen: Multi-Window. Seit einigen Jahren ist Samsung mit LG einer der wenigen Hersteller, der hartnäckig an der Implementierung eines „echten Multitaskings“ bastelt. Und so langsam wird diese Funktion eine wirklich runde Sache: Hält man zu irgendeiner Zeit die App-Switcher-Taste gedrückt, teilt sich der Bildschirm, die offene App pinnt sich in den oberen Teil und man kann andere Apps hinzufügen. Genauso lassen sich Apps direkt aus dem App-Switcher in ein Fenster verschieben. Was früher Gimmick war, geht so langsam in Alltagsnutzen über und dieses Feature könnte sich Android gern von TouchWiz abgucken.

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Mulit Window ist mittlerweile wirklich praktisch

Wirklich störend empfinde ich an der TouchWiz Version auf dem Galaxy S6 nur einen Aspekt: Anders als bei Android Lollipop üblich kann man nicht mit einem Doppel-Tap auf die Benachrichtungs-Karten vom Lockscreen direkt in die App wechseln. Stattdessen muss man die Karte einmal markieren und dann das Gerät entsperren. Das Problem scheint hier eine fehlerhafte Integration von Smartlock zu sein. Normalerweise überspringt man den Lockscreen nämlich, sofern man mit einem vertrauenswürdigen Bluetooth-Gerät gekoppelt ist (bei mir regelmäßig eine Smartwatch). Bei Samsung funktioniert das leider nur unzuverlässig.

3.3. Software-Fazit zum Galaxy S6

Mein Lob für die Hardware gilt für die Software um so mehr: Was lange währt, wird endlich gut. Die Performance ist endlich über jeden Zweifel erhaben und auch nach 2 Wochen Nutzung stellt sich nicht das bekannte TouchWiz-Geruckel ein. Stattdessen verwöhnt das Galaxy S6 mit einer für mich bisher nicht gekannten Bedienleichtigkeit. Auch TouchWiz selbst ist optisch wieder einen kleinen Schritt entspannter geworden. Zwar ist noch immer viel optischer und funktionaler Ballast an Board aber zumindest reißt dieser nicht mehr die Systemperformance mit sich in den Abgrunnd. Samsung hatte immer damit zu kämpfen, seine vielen Softwarespielerein in ein gelungenes Bedienerlebnis zu übersetzen. Dieses nebulöse „Bedienerlebnis“ ist die gefühlte Summe aus Funktionen, Performance und Design und das  ist beim Galaxy S6 schlicht und einfach richtig, richtig gut.

4. Abschließende Wertung und Vergleich

Zu oft hat Samsung versprochen, endlich hochwertige Smartphones bauen zu wollen. Zu oft hieß es, TouchWiz sei nun endlich ruckelfrei. All das ist mit dem Galaxy S6 aber endlich wahr geworden. Ich habe bereits in einem eigenen Artikel darüber geschrieben, dass es teilweise eine Herausforderung ist, als Blogger Leihgeräte unabhängig und objektiv zu beurteilen. Mir ist die Kritik, der ich mich mit dieser Lobeshymne für ein Samsung Smartphone aussetze, durchaus bewusst, aber am Ende ist mein Fazit mehr als eindeutig: Würde ich heute ein neues Smartphone kaufen, ich würde zum Galaxy S6 greifen. Die Hardware ist alles, was ich von einem Flagschiff erwarte, die Kamera gehört zu den Besten und die Performance ist traumhaft.

Die Konkurrenz hat dem Galaxy S6 derzeit – so meine Meinung –  nur wenig entgegenzusetzen. Das iPhone 6 zieht in Hinsicht Display und Handhabung für mich klar den Kürzeren, das HTC One (M9) muss sich in der Kamera-Disziplin hart auf die Probe stellen lassen und das jüngst vorgestellte LG G4 ist mit seinen 5,5 Zoll keine Option für alle, denen Handlichkeit etwas bedeutet. Im Grunde muss man die Kaufentscheidung beim Galaxy S6 anders herum aufziehen und sich fragen: Welche Gründe gibt es, das S6 nicht zu kaufen? Mir fällt abseits der Kompromisse bei der Akkulaufzeit nur wenig ein. Die Galaxy S-Serie war auf dem Papier stets ein Gigant, aber zum ersten mal kann ein Samsung Flagschiff mich in allen Punkten auch im Alltag überzeugen. Dass ich das noch erleben darf!

See you in the comments!

Update: Mein Review zum Galaxy S6 Edge ist ebenfalls online.

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