Warum mich Face ID vom iPhone X abhält

Seit Jahren bemängele ich, dass Apple die Displayschärfe seit den ehrwürdigen Tagen des iPhone 4 nicht verändert hat. Genauso lange beschwere ich mich darüber, dass mir das rutschige Design der iPhones seit Modell 6 ganz und gar nicht gefällt. Und spätestens seit dem Google Pixel 2 finde ich die Kombi aus hellem Gehäuse und schwarzer Displayfront richtig klasse. Mit dem iPhone X geht Apple all diese Punkte endlich an.  Dabei bringt das iPhone X für mich aber ein ganz neues Problem mit. Und das heißt Face ID. Ich will es direkt sagen: Hätte das iPhone X neben Face ID weiterhin den bekannten Touch ID Sensor (auf der Rückseite, wenn es nach mir ginge), hätte ich vielleicht schon die 1.149 € ausgespuckt und würde jetzt mit dem angeknabberten Display durch die Gegend laufen.

Aber so ist es nun einmal nicht: Apple hat den Touch ID Sensor beim iPhone X gestrichen. Will ich mein Smartphone nicht dauernd mit einem achtstelligen PIN-Code entsperren, hätte ich also nur die Möglichkeit, dutzende Male pro Tag den Gesichtsscanner laufen zu lassen,  Das kommt für mich aber im Alltag nicht in Frage. Deshalb ist Face ID – so gut es auch funktionieren mag – für mich der Grund dafür, dass ich einen Bogen um das iPhone X mache. Glücklich bin ich darüber überhaupt nicht, denn das iPhone X gefällt mir ansonsten ziemlich gut.

Willkommen in der Gegenwart, Apple

Derzeit nutze ich schwerpunktmäßig Android: Lange ein Oneplus X mit Lineage OS, dann das tolle LG G6 und mittlerweile das erstklassige Google Pixel 2. Das ändert aber nichts daran, dass ich sehr große Sympathien für iOS hege. Mein iPhone SE hat die letzte Zeit zwar viel auf der Ersatzbank gesessen, aber wann immer ich das handliche Gerät anwerfe, fallen mir sofort wieder all die kleinen und großen Vorteile von iOS auf. Egal ob iMessage, Mail oder Safari, viele Standard-iOS Apps sind für mich ihrem Android-Gegenüber voraus. Sei es der offizielle Support für Adblocker in Safari oder die Möglichkeit, in der Mail-App einen Alias hinzuzufügen: Beides sind für mich Beispiele für die Details, die ich bei iOS so schätze. Das gesamte Betriebssystem hat aufgrund seiner Simplizität stellenweise zwar definitiv unnötige Beschränkungen, aber dem Fokus aufs Wesentliche kann ich weiterhin auch Einiges abgewinnen. Schließlich wären da auch die oft konkurrenzlos guten Apps. Tweetbot ist für mich über alle Betriebssysteme und Konkurrenz-Clients hinweg z.B. der wohl beste Twitter-Client.

Was hat all das mit dem iPhone X zu tun? Ganz einfach: Apple hat es die letzten vier Jahre geschafft, seine tolle Software in so unattraktive Hardware zu verpacken, dass ich es dauerhaft mit keinem der aktuellen iPhones ausgehalten habe. Erst das iPhone SE hat mich wieder für längere Zeit bei einem iPhone halten können, was aber wohl mehr an dem Mix aus kompaktem Formfaktor und High-End-Technik liegt (den man in dieser Form nach wie vor höchstens bei Sony findet), als am modernen Design.

Lange habe ich daher darauf gewartet, dass Apple endlich ein Smartphone vorstellt, dass die Stärken von iOS mit modernem Design und aktueller Technik kombiniert, allen voran hochauflösenden und rahmenlosen Displays. Mit dem iPhone X hat Apple das nun getan und ist endlich, endlich in der Gegenwart angekommen. Natürlich ist das iPhone X nicht perfekt. Die mangels Homebutton neugestaltete Gestenbedienung wird mancherorts als unnötig kompliziert und unergonomisch kritisiert. Auch kann man darüber streiten, ob der Displayausschnitt für die Frontsensoren (die „Notch“) eine Verlegenheitslösung oder doch ein geniales Abgrenzungsmerkmal ist. Schließlich wirkt das Gehäuse insgesamt weiterhin ähnlich rundlich-rutschig wie das der Vorgänger und so richtig „rahmenlos“ ist das Display auch nicht. Trotzdem: Mit einem Display-Gehäuse-Verhältnis von über 81 % und einer Pixeldichte von 458 PPI in einem Gerät, das fast so handlich wie ein aktuelles 4,7 Zoll iPhone ist, reizt mich das iPhone X natürlich sehr. Ich hätte also durchaus große Lust, mich mit dieser tollen Hardware mal wieder länger ins iOS-Universum zu stürzen.

Die Daten sind frei

Was also ist dann mein Problem? Wie gesagt: Das Problem ist Face ID. Damit meine ich aber weniger die Funktion an sich. Nach allem, was ich lese und was Bekannte berichten, funktioniert die Kombination aus Punkt-Projektor, Kamera und Infrarotsensor im Alltag ziemlich gut (skeptisch hingegen Steve Wozniak). Zwar kann man das iPhone X nicht mehr ganz so einfach mit einem ausgestreckten Finger entsperren, wenn es irgendwo auf dem Schreibtisch liegt. Meist muss man es anheben und ansehen, damit die Face ID Kameras das Gesicht erfassen können. Aber das ist bei einem rückseitigen Fingerabdrucksensor nicht anders. Auch dort muss man das Smartphone in der Regel vom Tisch anheben und irgendwie damit hantieren.

Nein, mein Problem mit Face ID ist  kein funktionales, sondern ein grundsätzliches. Indem Apple im iPhone X (und vermutlich im kommenden Jahr auch in anderen iPhones und sonstiger Apple Hardware) eine hochleistungsfähige Gesichtserkennung integriert, beteiligt sich Apple an der optische Kompletterfassung unseres Alltags. Egal ob U-Bahn, Bibliothek, Supermarktkasse oder Partynacht: Wann immer jemand sein iPhone X entsperren will, erkennt Apple, wer sich in der Nähe befindet. Während die Digitalszene leidenschaftlich (und kreativ) gegen biometrische Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen kämpft und beim Gedanken an die biometrische Vollerfassung samt anschließendem Social Shaming in China die Hände überm Kopf zusammenschlägt, sorgt Apple mit dem iPhone X dafür, dass wir uns allesamt gegenseitig selbst beobachten. Und selbst wenn man Face ID als Besitzerin nicht aktiv nutzt, läuft die Kamera dauerhaft im Hintergrund und beobachtet, ob und wann man das Gerät ansieht, um dann z.B. das Display nicht auszuschalten. Diese Funktion ist voreingestellt und dürfte von den Wenigsten deaktiviert werden.

Natürlich würde Apple diese Daten nie mit Dritten teilen und schon gar nicht an staatliche Behörden weitergeben, richtig? Falsch! Tatsächlich teilt Apple die biometrischen Daten zwar nicht in Rohform, aber doch in gewissem Umfang sehr wohl mit Entwicklern. Die amerikanische Bürgerrechteorganisation, ACLU, spricht im Interview mit Reuters die Risiken dieses Drittzugriffs deutlich an:

“The real privacy issues have to do with the access by third-party developers.”

– Jay Stanley, ACLU

Zu Recht weist die ACLU darauf hin, dass App-Entwickler die biometrischen Daten nicht nur für witzige Snapchat-Filter und Animoji-Klone nutzen können, sondern etwa zur Messung unseres Gemüts- und Gesundheitszustands, zur Bewertung unserer äußerlichen Attraktivität oder für sonstige Erkenntnisse, die man eben aus unserem Gesicht ablesen kann. Dass sich App-Entwickler dabei in der Regel weniger zurückhaltend zeigen, was die Auswertung und Weitergabe der gewonnene Erkenntnisse angeht, haben nicht zuletzt die Missbrauchsfälle durch Uber oder AccuWeather gezeigt. Aber auch Apple, das sich bisher immer als Verteidiger digitaler Freiheit zu verkaufen sucht, wird das nur solange tun, wie es wirtschaftlich Sinn macht. Was staatlicher Druck auch bei Apple auszurichten in der Lage ist, hat der Rauswurf vieler VPN-Apps aus dem chinesischen Appstore gezeigt.

Digitale Umweltverschmutzung

Und das bringt uns zu dem entscheidenden Unterschied zwischen Face ID und Touch ID. Auch gegenüber Touch ID bzw. Fingerabdruck-Scannern im Allgemeinen habe ich meine Vorbehalte, aber jedenfalls ist deren Erfassungsraum sehr begrenzt. Wo es dem Besitzer eines iPhone X vielleicht noch gleichgültig ist, ob und wie er sich den Blicken von Apple aussetzt, erfasst Face ID nun automatisch auch alle sonstigen Unbeteiligten im Blickfeld der Face ID Sensoren. Mit zunehmender Verbreitung von Face ID (und natürlich ähnlicher Technik in Android Smartphones) schwindet letztlich der unbeobachtete öffentliche Raum. Kurz gesagt: Touch ID ist passiv und erfasst nur diejenige, die bewusst den Sensor berührt. Face ID hingegen reicht mit seinen Sensoren tief in den freien Raum und erfasst damit automatisch Unbeteiligte und Dritte. Jedes iPhone X trägt damit zur „digitalen Umweltverschmutzung“ bei, die dank allgegenwärtiger Bild- und Tonaufzeichnung den analogen Alltag immer tiefgehender und umfassender digital erfasst. 

Diese Kritik trifft natürlich nicht nur auf Face ID und das iPhone X zu. Aus dem gleichen Grund scheue ich mich davor, mir Google Home und Amazons Echo ins Wohnzimmer zu stellen oder „Hey, Siri“ zu aktiveren. Das Argument, dass all diese Geräte nur auf einzelne Signalwörter hören, halte ich dabei übrigens für ein sehr schlechtes. Nichts ist für Google & Co. leichter, als die Signalwörter nach Belieben (oder auf Aufforderung staatlicher Einrichtungen) per stillem Firmware Update anzupassen. Wenn Amazon (oder jmd. anderes mithilfe von Amazon) etwa wissen will, wer bei der letzten Bundestagswahl die Linken gewählt hat, dann hätte sich das problemlos herausfinden lassen, wären entsprechende Signalworte einprogrammiert worden. Auch Microsofts „Windows Hello“ System kann und muss man hier kritisch erwähnen, erfasst es doch ebenso wahllos alles in seinem Blickwinkel.

Der Glaube, dass Amazon, Microsoft, Google & Co. diese Augen und Ohren in unseren Wohnungen nicht missbrauchen werden, ist so naiv wie fehlgeleitet. Die Verantwortung, uns vor unbefugtem Zugriff auf Informationen über unser Leben, Denken, Handeln zu schützen, ist bei Unternehmen, die primär ihren Anteilseignern verpflichtet sind, einfach denkbar schlecht aufgehoben. Das iPhone X ist insofern nun allerdings eine andere Dimension, als dass die gerade genannten Gerätschaften meist nur stationär eingesetzt werden. Der Google Home in der Ecke des Wohnzimmers ist meinetwegen noch mein Privatvergnügen (wenngleich datenschutzrechtlich keineswegs unproblematisch). Und auch „Windows Hello“ kann ich im Zweifel durch einen Bluetooth-Token ersetzen (so macht es ja auch der Mac im Zusammenspiel mit der Apple Watch). Das iPhone X hingegen ist ständig und überall dabei und wird dutzend-, wenn nicht hunderfach, am Tag hervorgeholt.

Mir ist der Vorteil biometrischer Zugangssysteme grundsätzlich durchaus klar. Dieser Vorteil ist aber kein Selbstzweck. Für sein Streben nach noch bequemerer Nutzerinteraktion opfert Apple mit Face ID unangemessen viel von unsere Freiheit. Diese Freiheit, nicht unsicher sein zu müssen, ob bestimmte Verhaltensweisen jederzeit notiert und u.U. dauerhaft gespeichert, genutzt oder weitergegeben werden, sind mir ein paar animierte Animoji jedenfalls nicht wert. Im Gegenteil: Mit meinem Verständnis von freiheitlicher Gesellschaft ist, frei nach dem Bundesverfassungsgericht, eine digitale Umwelt nicht mehr vereinbar, in der wir nicht mehr wissen, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über uns weiß.

See you in the comments!

 

3 Kommentare
  1. DMM

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