Wie Lineage OS meine Einstellung zu teuren Smartphones verändert hat

Ohne steten Nachschub an neuer Technik sähen viele Technikblogs ziemlich verwaist aus. Der Nachrichtenzyklus der allermeisten Gadget-Blogs und Tech-Webseiten lebt geradezu von den Produktvorstellungen von LG, Samsung, Google oder Apple. Das gilt grundsätzlich auch für DeathMetalMods.de. Gerade im Bereich Smartphones sind Neuheiten wie das Google Pixel oder das iPhone 7 oft die Highlights hier im Blog. Zwar kommen wir als kleine Online-Publikation nicht immer sofort oder auch gar nicht in den Besitz der Flaggschiffe aus Seoul, Cupertino oder Mountain View, aber die Faszination am technischen Fortschritt lässt natürlich auch hier die Autoren kribbelig werden.

Privat hat bei mir in den letzten Monaten allerdings eine völlig andere Entwicklung stattgefunden: Neue und vor allem teure Smartphones verlieren immer mehr an Reiz. Zwar interessieren mich das Galaxy S8 (weniger) oder das LG G6 (schon eher) noch immer, aber während ich früher durchaus bereit war, selbst viele hundert Euro für z.B. das Nexus 6P oder das neue iPhone 7 in die Hand zu nehmen, ist das mittlerweile ganz anders.

Zum Teil wird das mit einem gewissen Sättigungsgefühl zusammenhängen, das sich nach (bald) vier Blogger- und vielen weiteren Leser-Jahren bei mir breit macht. Der entscheidende Grund dürfte aber meine jüngste Erfahrung mit LineageOS sein, das seit drei Monaten bei mir im Alltag läuft. In diesem Artikel will ich deshalb sowohl meinen (im Beitrag zum HTC One (M8) versprochenen) Langzeitbericht zu LineageOS nachliefern, als auch erklären, wie das Custom-ROM meinen Umgang mit teuren Smartphone entscheidende verändert hat.

Drei Monate mit LineageOS

Kurz zurückgeblickt: Mitte Februar habe ich nach langer Zeit wieder einen Blick auf Custom-ROMs geworfen und mir LineageOS (den Nachfolger von Cyanogenmod) auf dem HTC One (M8) angesehen. Den schicken HTC-Klassiker habe ich aber nicht nur kurz für den Artikel über LineageOS verwendet, sondern danach auch weiter als Daily Driver genutzt. Das Bemerkenswerte: Woche für Woche griff ich lieber zum vermeintlich alten Eisen statt mein Nexus 6P oder das ebenfalls verfügbare iPhone 7 zu nutzen. Das System lief einfach derart zuverlässig und stabil, dass ich wenig Anlass hatte, das M8 wieder beiseite zu legen. Mit seinem 5 Zoll Full-HD-Display, edlem Alu-Gehäuse, Stereo-Lautsprechern und purem Android traf das M8 genau die goldene Mitte zwischen dem handlichen, aber pixeligen iPhone 7 und dem oft viel zu großen Nexus 6P.

Ich habe während dieser Zeit jede Woche das brandneue Nightly geflasht und später auch den Google Assistant über einen einfachen Kniff freigeschaltet. Am Ende war das M8 softwareseitig kaum vom Google Pixel zu unterscheiden. Nie hatte ich Probleme, jedenfalls keine, die über das normale Maß hinaus gingen. Nur einige wenige Male verschluckte sich das System und musste neu starten, aber das habe ich ehrlich gesagt auch bei Androiden mit regulärer Software und (ja) auch bei iPhones schon erlebt.

USB-Tethering funktioniert bisher nicht

Hinsichtlich des Funktionsumfang fielen mir im Laufe der Zeit dann aber doch ein paar Mängel auf. Aus irgendeinem Grund will das Smartphone z.B. keine VPN-Verbindung zur FRITZ!Box aufbauen und auch das USB-Tethering versagt bisher seinen Dienst. Ob beides wirklich an Lineage OS liegt oder nicht doch an meiner Blödheit, konnte ich bisher nicht zweifelsfrei klären, aber da ich mit beidem bei anderen Androiden meist keine Probleme habe, schiebe ich es durchaus auf das Custom-ROM. Das Installieren der Updates über den systemeigenen Updater (via Over-The-Air) hat bisher auch nur selten funktioniert. In der Regel muss ich stattdessen selbst ins Recovery booten und die Installation der neuen Version manuell anstoßen: Absolut kein Drama, aber klare Abzüge in der Komfort-Wertung.

Wer bei diesem Anblick das Gruseln bekommt, sollte einen Bogen um LineageOS machen.

Auch nach drei Monaten bleibe ich insgesamt deshalb dabei: Wer nicht zumindest ein bisschen bereit ist, sich im Fall der Fälle kurz mit technischem Gebastel zu befassen, für den ist ein Custom-ROM und damit auch Lineage OS nach wie vor nichts. Abgesehen von der teilweise aufwändigen Installation und kleineren Ärgernissen wie das manuelle Updaten hielt sich die Aufmerksamkeit, die Lineage OS von mir einforderte, aber sehr in Grenzen. Ich wage letztlich zu bezweifeln, 0b der Großteil aller Smartphone-Nutzer überhaupt bemerkt hätte, dass auf meinem Smartphone keine offizielle Hersteller-Software lief. Meine eben genannten Kritikpunkte sollen deshalb nicht den Eindruck erwecken, dass das System ansonsten nicht in jeder Hinsicht tadellos lief: Akku, Kamera, Bedienung, Surfen, Bluetooth-Streaming, Telefonieren oder Messaging waren überhaupt kein Problem.

Besuch bei einem alten Bekannten

Meine Erfahrung mit Lineage OS war letztlich so ermutigend, dass ich mich nach zwei Monaten mit dem HTC One (M8) entschloss, einem alten Bekannten einen Besuch abzustatten: Dem Oneplus X. Das handliche 5 Zoll Gerät des chinesischen Herstellers Oneplus (eine Konzernschwester von u.a. Oppo) ist so etwas wie ein wunder Punkt bei mir. Im lange vergangenen Jahr 2015 hatte ich mir das Phone selbst gekauft, um damit mein geliebtes (aber betagtes) LG Nexus 5 zu ersetzen. In meinem daraufhin veröffentlichten Testbericht musste ich allerdings feststellen, dass das Oneplus X zwar eine irre schicke Hardware und tolle Technik bot, aber in Sachen Software nicht meinen Ansprüchen an Updates und Sicherheitspatches genügte.

Früher war das Oneplus X nur „hübsch“

Dank Lineage OS kann das Oneplus X auch endlich softwareseitig glänzen

Was also lag da näher, als eineinhalb Jahre später mit LineageOS einen neuen Versuch zu wagen? Mitte April schnappte ich mir deshalb ein gebrauchtes Oneplus X bei eBay Kleinanzeigen und verpasste dem Gerät ebenfalls die Custom-ROM-Kur. Das Ergebnis war nicht minder erfreulich als beim HTC One (M8). Besser noch: Dank 3 GB RAM (statt 2 GB beim M8), dem grandiosen AMOLED-Display und einer kompakteren und gleichermaßen edlen Verarbeitung legt das Oneplus X mit LineageOS nochmal eine ganz gehörige Schippe Softwareperformance und Bedienkomfort drauf. Seitdem dient das Oneplus X als mein Go-To-Android-Gerät und selbst nach einem Monat, den ich das Oneplus X mit Lineage OS nun nutze, fällt es mit schwer, entscheidende Alltags-Unterschiede zu teuren Flaggschiff-Androiden zu sehen. Die Betonung liegt hier natürlich auf „entscheidend“, denn während das Oneplus X in Sachen Verarbeitung und (nun auch) Software den Vergleich zur teuren Edelkonkurrenz nicht scheuen muss, kann das eineinhalb Jahre alte Gerät natürlich nicht mit den grandiosen Kameras eines Samsung Galaxy S7 oder Google Pixel mithalten. Auch fehlen ein Fingerabdrucksensor oder der moderne USB-C-Port. Bei diesen Hardware-Schwächen hilft nun einmal auch das tollste Custom-ROM nichts.

Und trotzdem: Das Oneplus X erstrahlt dank LineageOS endlich in seiner ganzen Pracht: Ohne auch nur einen Moment auf die teure Konkurrenz zu schielen, habe ich daher die letzen Wochen vollkommen zufrieden mit dem aufgefrischten Klassiker verbracht.

Wer braucht Neu und Teuer?

Diese ganze Erfahrung hat mich nun grundsätzlich ins Grübeln gebracht. Wenn mit ein paar Handgriffen derart viel Leben in meine Lieblingsgeräte aus vergangener Zeit gehaucht werden kann, warum dann noch 500 € und mehr für aktuelle Top-Geräte ausgeben? Nur um dann doch in kürzester Zeit mit schleppendem Softwaresupport auf der Strecke zu bleiben oder sich mit den verhunzten Android-Oberflächen von LG, Samsung und Xiaomi herumzuärgern?

Und selbst wer nicht auf neueste Technik wie Fingerabdruck-Sensoren oder USB-C verzichten möchte, findet längst Geräte, die all das mitbringen und ebenfalls dank LineageOS in den Genuss purer Android-Software kommen. Wer sich etwa anguckt, zu welchen Preisen aktuell ein HTC 10, Galaxy S7 oder ein Xiaomi Mi5 zu haben ist, der findet meiner Meinung nach kaum Gründe dafür, mehrere Hundert Euro Aufpreis für die Nachfolger oder teure Konkurrenten auszugeben.

Natürlich gibt es Argumente wie den möglichen Garantieverlust und den nicht zu leugnenden Bastelaufwand. Das plötzliche Ende von Cyanogenmod macht auch klar, dass man nicht ohne Weiteres langfristig mit LineageOS planen kann. Ich will Custom-ROMs daher auch weiterhin nicht als Allheilmittel preisen. Wer aber auch nur ein bisschen Neugier und Know-How mitbringt, bekommt mit den genannten Geräten derzeit einfach kaum zu schlagende Gesamtpakete. Ein Xiaomi Mi5 zum Beispiel, das mit Snapdragon 820, 3 GB RAM, Fingerabdrucksensor und USB-C dem Google Pixel jedenfalls auf dem Papier verdächtig ähnlich ist, ist je nach Zustand für um die 200 € zu bekommen. Bei Gebrauchtgeräten, wo die Garantieabwicklung und Gewährleistung ohnehin ungewiss ist, gibt es meiner Ansicht nach umso weniger Gründe dafür, sich nicht einmal an LineageOS heranzuwagen. Zur Not fängt man einfach mit günstigeren Altgeräten wie einem Moto G oder Moto X der Vor-Generation an.

Warum in die teure Ferne schweifen, wenn das Custom-ROM Glück so nah ist?

Ich persönlich ertappe mich mittlerweile jedenfalls kaum noch dabei, auf die heißen Neuheiten zu schielen. Stattdessen klappere ich aktuell die Download-Abteilung bei LineageOS ab und schaue, welche Geräte hardwareseitig das bieten, was ich brauche. Ehrlicherweise ist die Liste dort aber noch nicht so prall gefüllt wie ich es mir wünschen würde. Das gelungene Xiaomi Redmi Note 4 etwa, das ich im letzten Jahr testen konnte, ist bisher nicht offiziell gelistet. Es besteht auch grundsätzlich nicht die Aussicht darauf, dass jedes Gerät irgendwann unterstützt wird. Zum Einen sind die Ressourcen der zumeist unabhängigen Freiwilligen, die das Open Source Project am Leben erhalten, natürlich begrenzt. Vor allem aber sind viele der besonders interessanten Geräte aus Fernost, die massig Technik zum günstigen Preis bieten, schwer zu supporten, weil die darin verbauten Chips von Xiaomi, Huawei & Co schlechter dokumentiert sind. Einfacher haben es da Smartphones mit Prozessoren von Qualcomm, die im westlichen Markt sehr viel verbreiteter sind und als Herz der Google-Referenz-Geräte oft treiberseitig besser erfasst sind. Erfreulicherweise veröffentlichen asiatische Hersteller mittlerweile aber oft internationale Versionen ihrer Geräte mit eben jenen Prozessoren, von denen viele auch bereits offiziell von Lineage OS unterstützt werden (z.B. das bekannte Honor 5X).

All das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich schwer damit tue, teure Neugeräte zu kaufen oder auch nur zu empfehlen. Nach den guten Erfahrungen mit LineageOS sehe ich schlicht nicht ein, Bekannten und Freunden teure Flaggschiffe zu empfehlen, nur um softwareseitig und sicherheitstechnisch zumindest halbwegs aktuell zu sein. Gleichzeitig kann ich aber verstehen, dass ein Gerät, das man täglich unzählige Male nutzt, auch einen gewissen Schick haben darf. Und genau dafür ist LineageOS eine interessante Alternative, denn oft findet sich unter den unterstützten Geräten ein älteres Modell, das den ästhetischen Ansprüchen meiner Ratsuchenden mehr als gerecht wird und das dank Lineage OS trotzdem keine Abstriche bei der Software machen muss. Sofern der technische Sachverstand ausreicht oder man mich nett um technische Hilfe bittet, ist dieser Weg für mich mittlerweile eine echte Alternative geworden.

Mein eigenes Portemonnaie wird dank Lineage OS jedenfalls bis auf Weiteres aufatmen können und gleichzeitig freue ich mich jeden Monat, wenn mein altes Gerät lange vor der hochpreisigen Konkurrenz den aktuellen Android-Sicherheitspatch erhält.

See you in the comments!

15 Kommentare
  1. DMM
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