Testbericht: Wechsel vom iPhone 6 zum kleinen iPhone SE

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Vor über einem Jahr habe ich in meinem iPhone 5S Rückblick noch spekuliert, dass die Tage der handlichen iPhones wohl gezählt sein würden. Aber wie so oft im Leben kommt es dann doch anders und Ende März 2016 stellte Apple auf einem extra Event das neue kleine iPhone SE vor: Mit der Power des aktuellen Flaggschiffs im bekannten Gehäuse der 4 Zoll Vorgänger.

Seit seiner Veröffentlichung hat das iPhone SE vor allem zwei Reaktionen hervorgerufen. Entweder wird Apple Einfallslosigkeit vorgeworfen oder man schreibt dem iPhone SE schnödes Zielgruppenkalkül zu. In jedem Fall scheint das iPhone SE nicht gerade Apples innovativstes Produkt zu sein. Mir selbst gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf, während ich die Keynote live verfolgte. Einzig der für Apple-Verhältnisse unerwartet niedrige Startpreis von 399 US-Dollar löste bei mir kurz hochgezogene Augenbrauen aus.

Und trotzdem habe ich kürzlich mein iPhone 6 verkauft und bin auf das neue kleine iPhone SE umgestiegen. Warum? Das erkläre ich in diesem Testbericht.

Die nackten Zahlen

Blickt man nur auf die nackten Zahlen, dann spricht tatsächlich Vieles dafür, das iPhone SE als nichts anders als ein iPhone 6S im Korpus des alten iPhone 5S abzutun. Der schneller A9 Hauptprozessor, 2GB DDR4 Arbeitsspeicher, interner NAND-Flash-Speicher und die neue 12 Megapixel Kamera machen das iPhone SE tatsächlich genauso leistungsfähig wie das iPhone 6S. Besonders der schnelle interne Flashspeicher, der schon dem iPhone 6S zu einem spürbaren Leistungsboost gegenüber dem iPhone 6 verhalf, macht nun auch dem iPhone SE kräftig Beine. Aufgrund des kleineren Gehäuses soll es zwar schneller zur hitzebedingter Drosselung des Hauptprozessors kommen, aber davon habe ich im Alltag nichts gemerkt. Ich bin allerdings auch nicht  der größte Smartphone-Gamer.

Trotzdem – auch das dürfte mittlerweile bekannt sein – ist das iPhone SE keine hundertprozentige Mini-Version des iPhone 6S. Die Frontkamera löst nicht mit 5 Megapixel auf, 3D Touch fehlt und der Touch-ID-Sensor sowie das Display sind auf dem Stand des iPhone 5S geblieben. Spürbar ist für mich nur Letzteres, denn das vom iPhone 5S recycelte Display kann zwar in Sachen Pixeldichte mit dem aktuellen Apple Flaggschiff gleich ziehen, fällt bei Kontrast und Blickwinkelstabilität aber doch etwas ab. Mangels Selfie-Neigung vermisse ich persönlich die bessere Frontkamera hingegen kein Stück. Auch 3D Touch nehme ich Monate nach Release des iPhone 6S weiterhin eher als Gimmick ohne Mehrwert wahr. Der „langsamere“ Touch-ID Sensor ist für mich sogar eher ein Vorteil, denn so kann ich jedenfalls den Kamera-Shortcut auf dem Lockscreen noch sinnvoll nutzen. Ich würde es daher so sagen: Überall, wo es für mich darauf ankommt, ist das iPhone SE das erhoffte Mini-Flaggschiff.

Rein äußerlich kann man das iPhone SE zwar bei ganz genauem Hinsehen von seinen 4 Zoll Ahnen unterscheiden. Das aufgedruckte „SE“ auf der Rückseite und die nun mattierten geschliffenen Kanten sind kleine Hinweise, dass es sich um das neue iPhone SE handelt. Aber seien wir ehrlich: In der freien Wildbahn dürfte das iPhone SE kaum jemand von einem iPhone 5 / 5S unterscheiden können. Als vorzeigbares Prestige-Symbol taugt das als Klassiker getarnte iPhone SE also nur bedingt. Erfreulicherweise hat Apple aber trotz der gleichen Gehäusemaße die Akkukapazität im iPhone SE gegenüber den früheren 4 Zoll iPhones erhöht. Der nun auf über 1600 mAh angewachsene Akku führt zusammen mit dem sparsameren neuen Prozessor zu einer Laufzeit, die nicht nur alle früheren 4 Zoll iPhones locker hinter sich lässt, sondern sogar das iPhone 6 und 6S übertrift. Mit den meisten meiner Eigen- und Testgeräte komme ich dank meines recht intensiven Nutzungsverhalten selten ohne Nachtanken bis in den Feierabend, während das iPhone SE bei mir oft mit 20 % bis 30 % Restladung bis in den nächsten Morgen durchhält. Wiederum unverändert gegenüber den Vorgängern ist leider der Hang zur wackeligen Standby-Taste. Solche Details nerven mich persönlich recht schnell und wie ich mich kenne, werde ich mich diesbezüglich nochmal an den Apple-Support wenden. Ansonsten gilt für alles andere aber: Das iPhone SE glänzt mit der üblichen hochwertigen Apple-Verarbeitung.

Die Geschichte dahinter

Für mich ist das iPhone SE letztlich aber doch mehr als nur ein Mix aus alter Form und neuem Inhalt. Vor allem der bereits erwähnte Startpreis von (in Deutschland) etwa 480 € macht klar, dass Apple dem iPhone SE eine durchaus neue Rolle zuweist. Anders als beim letzten „Billig-iPhone“-Experiment, dem iPhone 5C, hat Apple das Konzept dieses mal konsequent zu Ende geführt. Im Vorfeld zur Veröffentlichung des iPhone SE gingen nicht Wenige davon aus, dass Apple vor allem Technikreste aus der iPhone 6 Generation verbauen und damit wie beim iPhone 5C eher alte Technik recyclen würde. Genauso wurde erwartet, dass Apple sich bei der Preisdifferenz zum aktuellen iPhone 6S abermals zurückhalten würde. Genau so ging Apple vor drei Jahren beim iPhone 5C vor und das Resultat war einer der (jedenfalls für Apples Verhältnisse) letzten großen Flops aus Cupertino.

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Wer auf 3D-Touch (hier das iPhone 6S) verzichten kann, findet im iPhone SE alles, was das Flaggschiff ausmacht.

Das iPhone SE hingegen ist tatsächlich nicht nur ein fast vollwertiges iPhone 6S, sondern auch noch ein deutlich preiswerteres iPhone 6S. Das SE ist für mich schlicht derart nah am Flaggschiff, dass sich mir die Frage stellt: Warum sollte ich 250 € für das iPhone 6S drauf zahlen? Ich persönlich jedenfalls tue mich schwer damit, für ein größeres Display, eine bessere Frontkamera und das 3D Touch Experiment einen derartigen Aufschlag hinzulegen. Das iPhone SE ist für mich deshalb allein wegen seiner Preisgestaltung eine echte Überraschung, die tief blicken lässt in die zukünftige Strategie hinter der Apple Hardware. Das iPhone SE zeigt im Grunde, wie gesättigt der High-End-Markt ist, so dass sogar Apple mittelfristig seine Absätze nur über die Erschließung niedrigerer Preissegmente  halten kann und sich langfristig gar vom Hardwareverkäufer zum Dienstleister wird wandeln müssen. Und bevor es soweit ist, müssen eben noch so viele iOS-Nutzer erschaffen werden, wie es geht.

Die zweite Geschichte hinter dem iPhone SE ist für mich die Wiederverwendung des bekannten Gehäuses aus der iPhone 5 Ära. Abgesehen davon, dass ich das alte kantige iPhone Design jederzeit dem rundlichen Design des 6er und 6S vorziehe, tue ich mich auch schwer damit, in der Beibehaltung des alten Design grundsätzlich etwas Schlechtes zu sehen. Man stelle sich vor, alle Hersteller würden derart vorgehen und wir hätten heute ein HTC One M7, ein Lumia 930 oder ein Moto X (2013) mit brandaktueller Hardware? MIR triebe das Glückstränen in die Augen.

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Dank recyceltem Design: alte Hüllen für neue Technik

Es gibt für mich einfach keinen Grund, jede Generation aufs Neue am Design zu schrauben, wenn man einmal einen Volltreffer gelandet hat, wie es ihn in der Geschichte vieler Hersteller gibt. Aber auch aus ökologischer Sicht sehe ich keinen Grund, Apples „Einfallslosigkeit“ besonders kritisch zu sehen. Ganz im Gegenteil: Meine geliebten DC Comics Hüllen, die ich aus dem USA-Urlaub mitgebracht habe? Die Autohalterung, die seit Jahren treu ihre Dienste tut? Die Displayschutzfolien, die noch vom iPhone 5 übrig sind? All das kann ich wieder- und weiterverwenden. Das spart Geld, schont die Umweld und ergibt einfach nur sehr viel Sinn. Natürlich dürfte Apples Entscheidung vor allem durch die effektivere Produktion motiviert sein, aber das ändert nichts daran, dass ich die Entscheidung für das alte Design auch aus ökologischer Sicht begrüßen kann.

Und schließlich wäre da die für mich unerwartete Entscheidung, dem iPhone SE tatsächlich die aktuelle 12 Megapixel-Kamera zu spendieren. Ich ging im Vorfeld fest davon aus, dass Apple maximal die Kamera des iPhone 6 würde springen lassen. Stattdessen haben wir im iPhone SE jetzt die mit Abstand beste kompakte Smartphone-Kamera, die der Markt derzeit hergibt. Das iPhone SE ist für mich daher die ideale Wahl für alle, die einfach nur gern mit ihrem Smartphone Fotos schießen. Zwar ist der Sprung vom iPhone 6 nur bei genauem Hinweis in etwas besseren Details und Kontrasten zu erahnen und gegenüber aktuellen Android-Kameras wie dem Nexus 5X wirken die iPhone weiterhin recht „blass“ , aber Ultra-HD-Videos sowie Zeitlupe mit 240 FPS gibt es in dieser Qualität nirgendwo sonst in so handlicher Verpackung.

Und genau das ist für mich letztlich die Essenz des iPhone SE: Echtes(!) High-End-Feeling mit überragender Handlichkeit. Nicht einmal Sony, deren Xperia Compact Geräte zu den wenigen brauchbaren handlichen High-End-Smartphones gehören, schaffen es so gut, echtes High-End-Feeling auf die Kompaktklasse zu übertragen.

Fazit: Für wen lohnt sich der Wechsel?

Warum also bin ich vom iPhone 6 auf das iPhone SE gewechselt? Die Gründe sind am Ende doch so naheliegend wie zahlreich: Die bessere Kamera, die schnellere Performance, der größere Arbeitsspeicher und die tolle Akkulaufzeit allein rechtfertigen den Schritt. Zusätzlich erhalte ich aber endlich wieder eine High-End-iPhone, das nicht jederzeit wie ein Stück Seife meinen Finger entfliehen will, sondern mit seinem griffigen industriellen Gehäuse daran erinnert, warum Apple einst der König des Smartphone-Designs war. Obendrein zahlt sich das iPhone SE dank des unerwartet niedrigen Verkaufspreis fast selbst. Jedenfalls musste ich nach Verkauf meines (zugegeben nicht sehr alten und gut erhaltenen) iPhone 6 kaum drauf zahlen.

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Vor allem aber merke ich, dass sich meine Ansprüche an ein Smartphone immer noch besser mit kompakten Geräten vereinen lassen. Chatten, Twitter, E-Mail, Spotify-Streamen und News-Lesen benötigen einfach kein cinematisch großes Display. Natürlich weiß ich die Vorteile großer Smartphones wie dem grandiosen Huawei Nexus 6P durchaus zu schätzen und ich würde mir auch beim iPhone SE selbstverständlich eine bessere Ausnutzung der Gehäusegröße und vor allem ein schärferes Display wünschen. Am Ende des Tages ziehe ich das kompakte, problemlos bedienbare iPhone SE aber doch all den großen Smartphones oft vor. Gerade auch deshalb, weil ich ansonsten keine (spürbaren) Kompromisse bei Technik und Leistung eingehen muss.

All das trifft natürlich auf Nutzer des iPhone 5S umso mehr zu, denn dort sind der Leistungsgewinn, die bessere Kamera und vor allem die deutlich bessere Akkulaufzeit umso spürbarer. Es gibt also durchaus gute Gründe, vom iPhone 6 oder 5S zu wechseln. Für mich waren es genug, um das iPhone SE zu meinem neuen Alltags-iPhone zu machen!

See you in the comments!

4 Kommentare
  1. DMM
  2. DMM

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