iPhone SE (2020) Testbericht – Die neue Standard Edition?

Nach dem Überraschungserfolg des (ersten) iPhone SE im Jahr 2016 hat Apple Ende April 2020 einen Nachfolger nach dem gleichen Erfolgsrezept veröffentlicht: Aktuelle Technik in einem (alt-) bekannten Design. Das neue „zweite“ iPhone SE (2020) verwendet wie sein Vorgänger ein bekanntes Gehäuse, diesmal das der iPhone 6, iPhone 6S, iPhone 7 bis iPhone 8 Ära, und stopft es mit der Technik des aktuellen High-End-iPhone voll. Das Ergebnis ist die Rechenleistung des iPhone 11 im Körper des iPhone 8 (bzw. 7, 6S und 6) mit der Kamera des iPhone XR.

Das „erste“ iPhone SE (2016) hatte sich nach mäßigem Verkaufsstart zu einem absoluten Hit gemausert. Noch heute kenne ich viele Freundinnen und Kolleginnen, die mit der ersten Generation des iPhone SE unterwegs sind und das kleine Ding innig lieben. Auch ich war ein großer Fan und habe mir später sogar mein Traummodell selbst zusammengebastelt. Meine Wertschätzung für das erste iPhone SE hatte vor allem einen Grund: Es war das mit Abstand kleinste Smartphone, das noch mit halbwegs aktueller Technik lief. Damals stopfte Apple nämlich die Technik des iPhone 6S in das Gehäuse des iPhone 5/5S. Und das iPhone 5/5S gilt vielen noch heute als eine Design-Messlatte, die Apple seitdem nicht mehr erreicht hat.

Neues (links) und altes (rechts) iPhone SE nebeneinander

Zwar gilt auch das Gehäuse des iPhone 6 bis 8 heute – im Jahr 2020 – mittlerweile wohl als „Klassiker“ und ist im Vergleich zu aktuellen Oberklasse-Smartphones auch immer noch „klein“. Dennoch: das kantig-industrielle Design des iPhone 5/5S gilt als unerreicht und wird allem Anschein nach mit dem iPhone 12 nicht umsonst wiederbelebt. Ich hätte mir deshalb sehr gewünscht, dass auch das neue iPhone SE (2020) im ultrakleinen iPhone 5/5S Look weiterleben würde. Aber ich wurde, wie viele andere, enttäuscht. Abseits dieses (eher subjektiven) Kritikpunktes habe ich an dem neuen SE allerdings wenig auszusetzen. Im Gegenteil: Wer gern ein Apple Smartphone möchte, findet beim iPhone SE (2020) ein für Apples Verhältnisse grandioses Preis-Leistungs-Paket, das kaum Wünsche offen lässt. Den Charme des Vorgängers versprüht es allerdings nicht mehr. Und konkurrenzlos ist es auch nicht, doch dazu im Einzelnen.

Bekannte Kritik am Äußeren

Zum Design und zur Haptik des iPhone SE (2020) habe ich im Grunde schon zum Release des iPhone 6 alles gesagt. Ich zitiere einfach mal aus meinem Review von 2014:

„Hält man das Gerät in der Hand, bieten die Seiten kaum Greiffläche. Der Verzicht auf jede Form von Kanten macht das Gerät damit enorm rutschig, gerade zu flüchtig. Hinzu kommt, dass das Gerät zwar mit 4,7 Zoll eine noch recht handhabbare Displaygröße hat, dank der üppigen Ränder um das Display aber deutlich größer als nötig ist.“

DeathMetalMods.de Review zum iPhone 6 aus 2014

Meine Meinung hat sich diesbezüglich nicht verändert. Das iPhone SE (2020) liegt immer noch wie ein Stück flutschige Seife in der Hand und bleibt damit ein heißer Kandidat für die Auszeichnung als Schnellstes aus der Hand rutschendes Smartphones of all times™. Da hilft selbst mein orangenes dbrand Skin (no Ad) nichts.

Auch das 2014 schon nicht mehr moderne Verhältnis von Display- zu Gehäusegröße fällt heute – sechs Jahre später – natürlich erst recht aus der Zeit. Während selbst Mittelklasse-Androiden mittlerweile (nahezu) randlose und hochauflösende Displays im 18:9 Format bieten, wirkt die Front des iPhone SE (2020) mit seinem fetten Rahmen, dem 16:9 Display und der geringen Pixeldichte von unveränderten 326 PPI (seufz!) geradezu antiquiert. Natürlich ist mir klar, dass u.a. gerade dieses unveränderte (alte) Gehäusedesign es überhaupt möglich macht, den Preis des neuen SE so niedrig zu halten, nämlich bei 479 € (UVP) für die 64 GB Version. Und natürlich ist mir auch klar, dass sich das iPhone SE (2020) nicht an Technik-Enthusiasten richtet, sondern an typische iPhone-Kundinnen, denen es vor allem darauf ankommt, ein günstiges, aktuelles und langlebiges iPhone zu bekommen. Das ändert nichts daran, dass Apple hier nur gerade so hoch springt wie es muss.

Beim Design ist alles wie beim iPhone 6, 6S, 7 und 8

Ansonsten gibt es bei den Äußerlichkeiten die bekannten Stärken: Das Display ist angenehm hell sowie seine Farbdarstellung natürlich, das Gehäuse tadellos verarbeitet und zwei Verbesserungen gibt es noch oben drauf: Endlich hat auch das silberne Modell eine schwarze Front (so wie ich es am Liebsten habe) und zudem ist die Rückseite aus Glas, was das Gerät etwas weniger rutschig als die Vorgänger mit Alu-Rückseite macht. Dank der Glasrückseite ist außerdem nun drahtloses Laden möglich. Ich persönlich bin damit aber nie wirklich warm geworden. Laden via Kabel empfinde ich nach wie vor als praktischer.

Zukunftssicherheit wie beim iPhone 11

Im neuen iPhone SE (2020) arbeitet der gleiche Prozessor wie im (derzeit aktuellen) iPhone 11, der „Apple A13 Bionic„, kombiniert mit 3 GB Arbeitsspeicher. Das hat zwei praktische Vorteile: Erstens läuft das iPhone SE (2020) damit in der alltäglichen Bedienung so reibungslos und flüssig, wie man es sich von einem aktuellen Smartphone nur wünschen kann. Da ruckelt nix und da öffnen Apps, Einstellungen sowie Funktionen ohne jede Denkpause. Im Grunde ist der A13 Bionic verschwenderisch schnell. Kein Android Phone kann bei den Leistungswerten mithalten. Daraus folgt auch der zweite Vorteil des A13 Bionic. Der liegt allerdings nicht im hier und jetzt (im Gegenteil, auch ein älterer Apple-Chip hätte das iPhone SE (2020) sicher völlig ausreichend angetrieben). Nein, der zweite Mehrwert ist die berechtigte Erwartung, dass das heute für ca. 480 € gekaufte iPhone SE (2020) auch in vier oder fünf Jahren noch angenehm benutzbar ist und genug Leistung für viele Jahre an Software-Updates hat. Das ist und bleibt für mich DIE Stärke aller iPhones und eben auch des iPhone SE (2020): Nirgendwo bekommt man so viel Verlässlichkeit auf Jahre hinweg.

Bekannte Stärken und Schwächen

Abgesehen von der Kamera (dazu gleich) hat das SE alle Stärken und Schwächen des iPhone 8. Der Fingerabdruck-Scanner ist schnell und präzise und in Zeiten der Corona-bedingten Mund-Nasen-Bedeckung sehr willkommen. Der Lightning-Stecker erfreut alle, die seit Jahren mit iPhones leben und haufenweise Zubehör angesammelt haben. Aber er nervt auch andere, wie mich, die sich seit mindestens genauso langer Zeit wünschen, dass Apple endlich auf den verbreiteten USB-C Anschluss wechseln würde. Eben genau so wie schon bei den Macbooks und der iPad (Pro) Reihe.

Auch das neue iPhone SE 2020 hat den bekannten Lightning Anschluss

Der Akku hat eine Kapazität von knapp über 1.800 mAh. Je nach Quelle (Apple veröffentlicht die Kapazität der verbauten Akkus nicht offiziell) ist das entweder exakt die gleiche Kapazität oder minimal mehr als im iPhone 8. Die Laufzeit ist wenig überraschend sehr ähnlich. Das SE (2020) kommt passabel durch den Tag. Ich musste leider oft im Büro, wo ich viel Spotify streame, vor dem Feierabend nochmal nachtanken. Mein zweites Alltagsgerät, das Pixel 3, hat da zuverlässiger bis in den Abend gehalten. Dennoch: Die Laufzeit ist insgesamt kein Grund das SE (2020) nicht zu kaufen, es ist allerdings auch keine Glanzseite.

Die Kamera des iPhone XR

Wenn ich neben der Verwendung des Gehäuses der iPhone 6 bis 8 Ära einen zweiten Kritikpunkt benennen müsste, dann wäre das die Kamera. Nur um auch hier Missverständnisse zu vermeiden: Die Kamera ist toll, oft auch sehr toll. Aber sie ist definitiv nicht Spitzenklasse und wird teilweise auch durch günstigere Geräte übertroffen.

Die Fotoqualität kann nicht überall mithalten.

Rein technisch wird noch darüber gestritten, wie nah die Kameratechnik im SE (2020) dem aktuelle iPhone 11 kommt. Im Ergebnis scheint Apple beim SE (2020) im Wesentlichen die Kamera-Hardware (Linsen und Sensor) des iPhone XR verbaut und dazu ein paar Softwaretricks des iPhone 11 gemixt zu haben. Das Ergebnis ist eine bei Tageslicht verlässlich tolle Kamera. Allerdings fehlen dem SE (2020) diverser Tricks des iPhone 11, allen voran der Nachtsicht- sowie der Deep Fusion Modus. Das heißt: Die Kamera ist im Dunklen nicht so gut wie das iPhone 11 und es fehlt das letzte bisschen Kontrast und dynamische Reichweite. Das wird wohl kaum jemandem überhaupt auffallen, dafür ist die Kamera des iPhone SE (2020) in der Breite zu gut. Die Schwächen werden im direkten Vergleich aber doch sichtbar. Vor allem das deutlich günstigere Google Pixel 3A (dessen grandiose Kamera baugleich mit der des Pixel 3 ist) zeigt, was man für unter 300 € an Kameraqualität bekommen könnte. Statt vieler Bilder will ich hier nur dieses Beispiel posten:

Man sieht sofort, wie viel blasser und kontrastarmer das Bild des iPhone SE (2020) im Vergleich zu dem der Google Pixel 3(A) Kamera ist. Und dieses Bild ist meiner Erfahrung nach leider repräsentativ. In unzähligen Situation wirkten die Bilder des SE (2020) grauer, kontrast- und detailarmer als die Fotos meines Pixel 3 oder 3A. Wegen der grandiosen Kamera habe ich mein Google Pixel 3 während meiner Zeit mit dem SE (2020) oft vermisst und bin allein deshalb nach einigen Wochen auch wieder zu meinem Google Pixel Smartphone als Hauptgerät zurückgekehrt. Vermisst habe ich auch die Möglichkeit, den Portrait-Modus bei Gegenständen anzuwenden. Apple beschränkt diesen Modus beim SE (2020) auf Gesichter. Dort funktioniert er zwar richtig gut, aber wenn kein Gesicht erkannt wird, kann man den Portrait-Modus und seinen tollen Bokeh-Effekt nicht nutzen.

Das finde ich extrem schade, denn stimmungsvolle Nahaufnahmen von Gegenständen (siehe oben) profitieren von dem Bokeh-Effekt enorm. Der Portrait-Modus des iPhone SE (2020) funktioniert bei Gesichtern auch richtig gut, so dass ich mir nicht erklären kann, warum Apple diese Fähigkeit nicht einfach generell freigibt. Auch das macht Google bei seiner Pixel Kamera besser. Alles in allem ziehe ich die Kamera meiner Pixel Geräte daher der des iPhone SE (2020) deutlich vor (falls ihr noch mehr Infos braucht, um euch eine Meinung zu bilden, empfehle ich euch das Review von Rene Ritchie auf Youtube).

Gedanken aus Sicht eines Android-Nutzers

Ich habe es gerade schon erwähnt: Mein Alltagsgerät ist normalerweise immer ein aktuelles Google Pixel Smartphone. Ich bin grundsätzlich eher ein Android Nutzer, nicht nur wegen der überragenden Kamera der Google Pixel Reihe, sondern auch wegen vieler großer und kleiner „Vorteile“ von Android. Und die sind mir während meiner Zeit mit dem iPhone SE (2020) wieder einmal sehr, sehr deutlich geworden.

Um auch hier allen Vorwürfen zuvor zu kommen: Ich halte iPhones nicht für „schlechtere Smartphones“ oder iPhone-Nutzerinnen für weniger technisch befähigt. Im Gegenteil: Mir sind die Vorteile eines iPhones sehr bewusst und darüber habe ich auch an anderer Stelle schon geschrieben. iPhones sind zuverlässig, übersichtlich und überfordern nicht. iPhones können aber auch sehr bevormundend, unfrei und rückständig sein. Und ich glaube, dass Apple mittlerweile zu sehr auf „sicher“ spielt.

Ich vermisse bei den iPhones mittlerweile einfach zu viele Funktionen, als dass ich mich im Alltag wirklich damit wohl fühle. Das gilt auch für das iPhone SE (2020). Da wäre zum Beispiel der Homescreen, der mich immer noch dazu zwingt, alle App-Symbole wie an einer Perlenschnur von links nach rechts und oben nach unten zu arrangieren. Warum es hier nicht jedenfalls für fortgeschrittene Nutzerinnen die Option gibt, App-Symbole wie bei Android frei zu positionieren, verstehe ich nicht. Ich empfinde die Benachrichtigungsübersicht und die Musiksteuerung von Android ebenfalls als sehr viel praktischer und effizienter. Gleiches gilt für die mittlerweile sehr unübersichtlichen Einstellungen von iOS. Apple Pay will auch noch immer nicht Paypal akzeptieren, im Auto ziehe ich Android Auto eindeutig gegenüber Apple Carplay vor und dass ich zwingend Safari, Apple Mail und Nachrichten als Standard-Browser, e-Mail-Client oder SMS-App nutzen muss, stört mich zunehmend (nicht nur aus Datenschutz-Gesichtspunkten). Android hat dafür viele Nachteile, vor allem beim Softwaresupport und der Sicherheit, aber im Alltag ist es für mich mittlerweile eindeutig bedienfreundlicher als iOS. Mit dem kommenden iOS 14 will Apple zwar immerhin die Standard-Apps für Browser und E-Mail frei wählbar machen, aber das ändert für mich hier und heute nichts. Denn erstens sollte man Technik nie mit Blick auf kommende Software beurteilen und zweitens ist diese kommende Freiheit eben auch nur ein Teil dessen, was iOS bräuchte, um für mich mit Android mithalten zu können (mittlerweile teste ich die öffentliche iOS 14 Beta aber auf dem iPhone SE 2020 und schaue mal, wie sich mein Eindruck dadurch noch verbessert).

Fazit: Ein iPhone ohne Risiko, aber auch ohne Wow

Soviel ist klar: Aktuell gibt es kein iPhone mit besserem Preis-/Leistungsverhältnis als das iPhone SE (2020). Für ca. 400 € und aufwärts bietet es garantierte Updates für viele Jahr, tadellose Leistung und eine richtig gute Verarbeitung. Aber es ist in vielen Bereichen eben auch noch ein iPhone auf dem Stand von 2014: Wer auf scharfe Displays, randfüllende Bildschirme oder USB-C wert legt, wird ebenso enttäuscht wie Fans langer Akkulaufzeit. Wirklich kritisch ist bei alledem aus meiner Perspektive aber nur die Kamera. Wer für kleines Geld eine wirklich grandiose, kontrastreiche und brillante Kamera sucht (und vor Android nicht zurückschreckt), der greift zum Pixel 3A oder dem kommenden Pixel 4A. Wer sich aber an iOS gewöhnt hat, aufgrund der vielen Vorteile nicht aus dem Apple Ökosystem heraus will oder einfach extrem langen Software-Support schätzt, der findet nach wie vor viele gute Argumente auch für das iPhone SE (2020).

Ich werde meines auch definitiv weiter nutzen, allein um bei iOS auf dem Laufenden zu bleiben. Aber das neue SE ist weit von dem entfernt, was das erste SE für mich wahr: Ein kultiges Kraftpaket in winziger und sehr stylischer Verpackung. Das neue SE ist im Vergleich vernünftig, seriös und vorhersehbar, kurz: langweilig. Der wahre Nachfolger im Geiste des ersten SE scheint stattdessen das kommende iPhone 12 zu sein, das in seiner kleinsten Ausführung sehr dem Design und der Größe des alten SE entsprechen wird. Wer hier und jetzt unbedingt ein iPhone will, für den ist das iPhone SE (2020) auf jeden Fall meine neue Standard-Empfehlung. Wer aber auch mit Android kann, der sollte sich weiterhin dringend die Pixel-Reihe von Google ansehen.

See you in the comments!

Artikel kommentieren

Dein Kommentar wird in der Regel sofort veröffentlicht. Bei erhöhtem Spam-Aufkommen kann es aber zu Verzögerungen kommen. Hab dann bitte einfach Geduld. Zur Erkennung von Spam verwendet das Blog ein Plugin, das den Inhalt des Kommentars, seine Uhrzeit sowie einige weitere Daten, wie zB enthaltene URLs, berücksichtigt. Bitte beachte deshalb die Datenschutzhinweise zur Kommentarfunktion.

Notwendige Felder sind mit * markiert.