Das iPhone 11 (Pro): Warum mich Apples Smartphones nicht mehr interessieren

Neuer September, neues iPhone. So weit, so gut, so erwartet. Vergangenen Dienstag wiederholte sich das Schauspiel zum dreizehnten Mal mit den neuen iPhone 11 und iPhone 11 Pro Modellen. Für alle, die es verpasst haben oder nachholen wollen, hat The Verge wie immer einen Supercut auf YouTube im Angebot.

Ich habe die Keynote live geschaut und hinterher die Stimmung aus der Fachpresse auf mich wirken lassen. Mein Eindruck: Das iPhone 11 ist ein Wendepunkt in der Beziehung zwischen Techszene und Apple. Nicht nur für mich verkörpert es wie kein anderes iPhone zuvor, warum Apples Smartphones immer weniger relevant sind. Woran das liegt, erkläre ich in diesem kurzen Meinungsbeitrag 👇

Stillstehende Stilikone

Ich habe die iPhones lange Zeit geliebt. Das iPhone 4S habe ich gerade erst in einem Rückblick gefeiert, weil es auch 2019 so grandios und einzigartig ausschaut. Das iPhone SE nutze ich noch heute und halte es für das wohl eleganteste und am Besten bedienbare Smartphone, das Apple je gebaut hat. Mit dem iPhone 6 begann dann für mich die Zeit des Durchschnitts und daran hat auch das fancy iPhone X vor zwei Jahren nichts geändert. Das Design wirkt austauschbar. Die Handhabung ist dank des überall abgerundeten Gehäuses unverändert unergonomisch und auch Apple fällt nichts anderes ein, als seine Smartphones nur immer größer zu machen. Das iPhone 11 (Pro) setzt diese Linie nahtlos fort und übertrifft den Vorgänger sogar in negativer Hinsicht: Statt der hässlich herausragenden Kameralinsen gibt es jetzt herausragende Kameralinsen auf einem Kamerahügel. Ich bin mir längst sicher: Wäre der Apfel auf der Rückseite nicht, würden viele es wohl kaum von der Konkurrenz unterscheiden können oder in besonderer Weise als Hingucker empfinden.

Seit dem iPhone 6 die gleiche unhandliche Bauform

Aber gut, über Design und Optik kann man natürlich streiten. Wirklich deutlich wird der Stillstand jedoch bei den technischen Details. Trotz aller Mühen bei der Kameratechnik hat Apple es schwer, überhaupt mit den fantastischen Kameras von z.B. Google oder Huawei mitzuhalten. Der neue Nightmode, den jetzt auch das iPhone 11 bieten wird, wurde auf der Keynote so schnell abgehandelt, dass man der Verdacht haben muss, dass er kaum ausgereift ist. Dazu passt, dass Apple ihn nicht einmal manuell aktivierbar macht. Währenddessen begeistert Huawei mit seinem Nachtmodus und Google lässt zusätzlich in Sachen Portrait/Bokeh alles weit hinter sich. Und auch beim Display bleibt Apple sich treu. Das iPhone 11 liefert auch 2019 eine Displayschärfe von 326 PPI. Dazu fällt mir auch 2019 einfach nichts anderes ein, als schon 2014: Apple „Retina“ Marketing basiert auf der Sehschärfe von Senioren. Und natürlich darf auch 2019 der „beliebte“ Lightning-Anschluss nicht fehlen. Statt auf den seit Jahren etablierten USB-C Anschluss zu wechseln (den Apple mittlerweile ja sogar beim iPad Pro und den Macbooks verbaut), zwingt mich Apple ein weiteres Jahr dazu, ein extra Kabel einzupacken, verursacht unnötigen Elektroschrott und macht dutzende Adapter notwendig. Beharrlich weigert sich Apple auch, die seit zwei Jahren bestehende Kritik an FaceID aufzugreifen und (wieder) einen verlässlichen, schnellen und auch datenschutzfreundlicheren Fingerabdrucksensor zu integrieren.

Same old, same old

Das iPhone 11 verkörpert Stillstand. Apple macht gerade so viel, wie es muss, um irgendwie den jährlichen Produktzyklus zu rechtfertigen. Antiquierte Displaytechnik, altbackenes Design, alte Peripherie und Ignoranz gegenüber dringend nötigen Veränderungen lassen wieder einmal nur hoffen, dass endlich nächstes Jahr dieses und jenes Feature kommen wird. Nächstes Jahr, bestimmt. Ganz bestimmt.

Pro ist das neue Turbo

Einige der genannten Kritikpunkte will Apple mit der Pro-Version ausgleichen. Wer bereit ist, ab 1000 € hinzublättern, bekommt dann immerhin ein tolles Display mit einer zeitgemäßen Displayschärfe. Dass heute in fast jedem (nicht-Apple) Smartphone ab 200 € aufwärts ein Full HD Display steckt, muss man dabei natürlich ausblenden. Und man muss auch empfänglich für Apples Marketing sein: Im neuen iPhone 11 Pro steckt nämlich ein Display, das Apple „Super Retina XDR“ nennt. Wer denkt, dass das Ganze langsam lächerlich wird, ist nicht allein. Tolle OLED Displays mit guter dynamischer Reichweite und Helligkeit verbaut die Konkurrenz nämlich seit Jahren und das zu Preisen weit unterhalb der 1000 € Grenze.

Was ist Pro am iPhone 11 Pro?

Was also macht die Pro-Modelle dann so „Pro“? Was bedeutet „Pro“ überhaupt noch bei Apple? Die Antwort gab Marques Brownlee im aktuellen Waveform-Podcast: „Pro“ ist bei Apple nichts weiter als das neuen „Turbo“, also irgendeine Fantasie-Beschreibung für das bessere und teurere Modell. Professionelles Arbeiten kann damit jedenfalls nicht gemeint sein, wenn man sich die minimalen Unterschiede zum Nicht-Pro-Gerät anschaut: Größeres Display, längere Akkulaufzeit und eine dritte Kameralinse. Die zusätzliche Telephoto-Linse ist höchstens für ganz wenige Fotografie-Enthusiasten interessant und vernünftige Akkulaufzeit ist für mich ehrlich gesagt eher eine Selbstverständlichkeit als ein Pro-Feature.

Letzte Rettung: Lock-In

Ich will bei alledem nicht sagen, dass man Apples Smartphones nicht kaufen sollte. Ich verstehe nach wie vor, dass vielen Käuferinnen zu den iPhones greifen. Der Kunderservice ist – wie ich im Kontrast zu Google gerade selbst merken musste – immer noch unerreicht gut. Wer seit Jahren iPhones nutzt, fühlt sich sofort heimisch und hat wrschl. ohnehin längst ein Sammelsurium an Lightning-Kabeln und -Zubehör. Vielleicht stört auch die im Vergleich geringe Displayschärfe nicht und man hat sich an die Zicken von Face ID gewöhnt. Wahrscheinlich fesseln auch iMessage und die iTunes Bibliothek an ein iPhone. iPhones sind vertraut, gewohnt und man fühlt sich sofort heimisch, klar. Kritisch bewertet ist das natürlich nichts anderes als der klassische Lock-In-Effekt.

Müsste Apple sich heute allerdings ohne die Jahre an Nutzerinnen-Bindung erstmals am Markt gegen Google, Samsung oder Huawei beweisen, sähe das ganz anders aus. Ein Betriebssytem, das mich nicht einmal die Standard-E-Mail auswählen lässt und das seit 12 Jahren alle Icons stur hintereinander ordnet? Eine Displayauflösung unterhalb von Full HD? Eine Kamera, die in vielen Bereichen nicht mit dem 400 € Pixel 3a mithalten kann? Ich persönlich empfehle mittlerweile jedenfalls kaum noch Smartphones von Apple. Und ich werde auch viel weniger nach iPhones gefragt. Der Wechselwille scheint mir aktuell extrem hoch. Stattdessen rate ich meist zu guten Android One Smartphones oder Geräten der Pixel-Reihe. Natürlich gibt es auch da genug Kritikpunkte und ich verstehe wie gesagt alle, die gern bei ihren iPhones bleiben wollen. Aber Apples Smartphones sind eben lange nicht mehr der Goldstandard oder das Non-Plus-Ultra, an dem sich alle messen lassen müssen. Das iPhone ist für mich vielmehr der Volkswagen der Smartphones. Guter, hochwertiger Durchschnitt für alle, die gewohnte Qualität ohne Experimente suchen. Leidenschaft löst Apple damit in mir aber genauso wenig aus wie ein neuer Golf.

Bye!

PS: Eine gute Sache hatte die Vorstellung der neuen iPhones dann aber doch: Apple hat das mit dem iPhone 6S eingeführte 3D-Touch beerdigt. Apple hat scheinbar eingesehen, dass sich das Gimmick nicht durchgesetzt hat. Das weckt in mir die Hoffnung, dass dieses Schicksal bald auch einem anderen Sinnlos-Feature widerfährt: Der nutzlosen Touchbar bei den Macbook Pro Geräten.

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