Nadellas Erbe und die Zukunft von Windows Mobile

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Junge, Junge, das waren ja Neuigkeiten! Seitdem Satya Nadella Ende Juni „tough choices“ ankündigte, schien die Hiobsbotschaft unausweichlich. Nach Kleinigkeiten wie dem Verkauf des Werbegeschäfts an AOL oder der Umbenennung von XBox Music in Groove kam Mitte letzter Woche der befürchtete Kracher: Nach den Massenentlassungen im Sommer 2014 werden nochmal knapp 8.000 Mitarbeiter vor die Tür gesetzt. Wieder trifft es vor allem die Mobilsparte und wieder vor allem Ex-Nokianer. Die offizielle Erklärung von CEO Nadella hat sicherlich jeder Interessierte bereits gelesen. Falls nicht, hier entlang.

Das Schreiben von Nadella wird nun seit Tagen von der Tech-Szene seziert und jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Was bisher nur von einigen Nörglern Pessimisten heraufbeschworen wurde, wird zum ersten Mal für die engagierte Windows Mobile Community ein bedrückend reales Szenario: Das Ende von Microsofts Mobilsparte oder genauer: Das Ende von Windows Phone.

Kurzfristig kein Grund zur Panik

Als Pessimist hat man es bei Windows Phone ohnehin leicht. Mit seit Jahren unverändert kleinem Marktanteil, wenig Interesse der Entwickler und einem neuen CEO an der Spitze – der bekennenderweise kein Freund des Nokia-Deals war – braucht es wenig, um aus den aktuellen Entwicklungen das Schlimmste herauszulesen. Die typischen Klick-geilen Überschriften diverser großer „Fachmagazine“ meine ich damit nicht einmal, sondern respektierte Insider wie zum Beispiel Paul Thurrott, der nüchtern feststellt:

„Windows Phone is failing. Actually, that’s not an opinion, it’s a fact.“

– Paul Thurott, Thurrott.com

Paul Thurrott weist – wie Viele – natürlich zu Recht darauf hin, dass sich erst einmal nichts ändert. Nadella selbst hat ganz deutlich gesagt, dass Microsoft sich derzeit weiter zu seiner Mobilsparte bekennt:

„I am committed to our first-party devices including phones.“

– Satya Nadella, Microsoft CEO

Jedenfalls kurzfristig gibt es daher absolut keinen Grund, Windows Phone für tot zu erklären. Auch die Konzentration auf wenige Geräte im Jahr ist für mich kein Rückzug, sondern ein lange überfälliger Schritt. Niemand wird das Lumia 432, Lumia 528 oder Lumia 636 1/3 vermissen. Stattdessen in drei Kernbereichen (Low-End, Business, High-End) Referenzhardware zu verkaufen, ist in jedem Fall sinnvoll. Wenn ich mir anschaue, wie die Surface Reihe trotz des hohen Preises gerade die Herzen vieler Tablet-Nutzer erobert, blicke ich tatsächlich mit einem gewissen Optimismus auf so etwas wie eine Nexus-Reihe für Windows Mobile. Egal, ob man es dann „Surface Phone“ nennt oder nicht: Es wäre nicht das erste Mal, dass Microsoft eine kränkelnde Produktkategorie doch noch profitabel macht.

Was die Optimisten übersehen

Die meisten Stimmen aus der Windows Phone Szene neigen deshalb auch zu obiger hoffnungsvoller Bewertung. Bei allem Verständnis für diesen Optimismus kann auch ich aber kaum ignorieren, in welchem Umfeld diese Neuausrichtung geschieht.

Die Lumia Reihe macht aktuell weit über 90 % des Windows Phone Marktanteils aus. Eine Reduktion von derzeit ca. 25 erhältlichen Lumias auf nur 3 bis 6 Geräte im Jahr kann – bei aller Zuversicht – nur zu einer weiteren Reduzierung des Marktanteils führen. Natürlich kann Microsoft versuchen, das bisher vom Lumia 420 bis 730 abgedeckte Spektrum mit einem einzelnen Gerät abzudecken. Wenn Microsoft aber hofft, dass Hersteller wie Samsung, LG oder HTC die neue Lücke schließen, dann kann es im Günstig-Bereich nicht selbst ein Low-End-Superphone bauen. Die so selbst geschaffene Konkurrenz würde es anderen Herstellern zu unattraktiv machen, im Windows Mobile Segment anzutreten. Damit bliebe Windows Mobile von der Gnade der Dritthersteller abhängig und darauf würde ich mich beim besten Willen nicht verlassen wollen.

Auch im High-End Bereich ergibt diese Strategie so recht keinen Sinn. Ein Lumia 940 mit Traum-Daten mag davon profitieren, dass kein Lumia 740 oder Lumia 840 an seinem Thron sägen wird. Aber das ändert nichts daran, dass Microsoft noch immer mit Geräten wie dem Galaxy S6 oder den iPhones konkurrieren muss. Egal, wie fokussiert das neue Produktportfolio sein wird: Das Problem am Lumia 930 war nicht die Kannibalisierung durch die hauseigene Lumia-Konkurrenz, sondern die Mitbewerber aus dem iOS- und Androidlager. Auf dieses Problem hat die neue Strategie keine Antwort.

Tod durch Vernachlässigung

Unabhängig davon, wie man die neue Strategie von Microsoft nun bewertet: Ich meine, dass all die obigen Überlegungen noch immer am Kern vorbeigehen. Das eigentliche Problem mit Windows Mobile ist nicht die Qualität der Hardware (ganz im Gegenteil!) und auch nicht die Schwemme an Low-End-Geräten (vielleicht ein bisschen). Das eigentliche Problem geht viel weiter zurück. Es ist die chronische Vernachlässigung des Betriebssystems durch Microsoft selbst. Ein Kommentator auf Thurrott.com sagte es für meinen Geschmack sehr treffend, als er formulierte:

„[Nadella] essentially killed Windows Phone by neglect. Let’s just be honest. That’s his legacy.“

– Kommentator auf Thurrott.com

Ich habe zuletzt Anfang März im Artikel „Ganz oder gar nicht: Wird es Zeit, Windows Phone zu beerdigen?“ gerätselt, warum bei all der Innovation und all dem Aufbruch, die aktuell bei Microsoft zu finden sind, Windows Mobile wie eine ungeliebte Pflichtübung mitgeschleift erscheint. Wenn wir momentan tatsächlich den Anfang vom Ende von Windows Phone miterleben sollten, dann wird daran zum größten Teil niemand anderes Schuld sein, als Microsoft selbst. Seit dem Start von Windows Phone 7 und später 8 sind die Stärken unverkennbar. Genauso deutlich sind aber seit jeher die – vor allem selbstgemachten – Schwächen.

Egal, in welches Forum, in welchen Artikel oder in welchen Blogpost man seit Jahren schaut, man liest immer das Gleiche. Warum wird im Store nicht endlich aufgeräumt? Warum wird das Live-Tile-Konzept nicht weiterentwickelt? Wo bleiben die Gutscheinkarten für den Windows Store? Und warum kleckern Grundfunktionen wie VPN oder Multitasking so spät herein?

Auch mit Blick auf die aktuellen Previews von Windows 10 Mobile bleibt bei mir der Eindruck: Windows Mobile altert, und zwar schnell. Die Geniestreiche um das Flat-Design und die Kachel-Optik verlieren selbst für mich so langsam ihren Charme. Die Frage, wie viele Geräte Microsoft in Zukunft noch selbst vertreiben möchte, ist für mich eine Frage der Kür. Microsoft vernachlässigt aber seit Langem die Pflicht. Daran scheint sich auch nach der Neuausrichtung unter Nadella nichts zu ändern und das ist für mich die eigentliche schlechte Nachricht. Windows Mobile braucht keine neue Schminke und keine Schlankheitskur. Windows Mobile braucht Arbeit an den Fundamenten. Während iOS 9 und Android M mittlerweile mit Feinschliff davoneilen, wird Windows Mobile für mich mehr und mehr zum Betriebssysstem für die, die „nicht mehr brauchen“. Meine Hoffnung ist, dass Microsoft das Abspecken der Hardware-Sparte für ein Aufpumpen der OS-Muskeln nutzt. Wenn Microsoft es ernst meint, dann geht es jetzt die ganzen Baustellen an, die die Community seit Jahren aufzeigt.

Persönlich glaube ich allerdings nicht daran, dass Microsoft diese Art von Arbeit noch investieren möchte. Falls euch meine ehrliche Meinung interessiert: Ich würde im aktuellen Klima kein Lumia kaufen. In der aktuellen Situation sehe ich mich auch nicht in ein Lumia 940 investieren. Egal, wie toll die neue Hardware wird: Gute Hardware hat Microsoft schon lange, ein gutes mobiles Betriebssystem kommt ihm aber mehr und mehr abhanden. Ja, es ist Platz für ein drittes Betriebssystem. Aber nur, wenn es mit Hingabe gepflegt wird. Microsoft traue ich das nötige „Commitment“ aktuell leider nicht mehr zu.

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