Google Play oder XBox Music: Wo ist meine Musik besser aufgehoben?

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Nach vielen Gerüchten, Andeutungen und Ankündigungen hat Microsoft Mitte März endlich seinen XBox Music Dienst an seinen Cloud-Speicher OneDrive angebunden. Das bedeutet: Jeder Nutzer kann endlich seine heimische MP3-Sammlung in einen speziellen OneDrive Ordner hochladen und von da an als privaten Streaming-Dienst von jedem Windows Geräte wiedergeben. Ich als Langzeitnutzer von Google Play Music frage mich jetzt: Wo ist meine private Musik-Bibliothek besser aufgehoben? Ist es Zeit, zu wechseln?

Mein Eindruck von Google Play Musik bisher

Im Sommer 2014 habe ich erstmals Google Play Music ausprobiert, genauer gesagt die sogenannte „Music Locker“-Funktion. Anders als bei der neuen XBox Music Upload Funktion lädt man dabei aber nicht tatsächlich eigene Dateien auf die Server von Google, sondern lässt Google die lokalen Dateien scannen. Zu diesem Zweck gibt es von Google extra eine App für Mac OS X und Windows, die wahlweise die lokale iTunes-Bibliothek oder einzelne Ordner durchleuchtet und mit dem Datenbestand der Google Play Music Bibliothek abgleicht.

Das hat zwei entscheidende Vorteile. Erstens muss man sich nicht stunden- oder tagelang mit seinem mikrigen Upload-Speed ärgern. Der Upload allein meiner 17 GB umfassenden Metal-Bibliothek würde mit meinem DSL-Anschluss ca. 4 Tage dauern. Da aber nicht wirklich einzelne Dateien hochgeladen werden, sondern diese nur mit dem bereits vorhandenen Datenbestand bei Google verglichen werden, war meine lokale iTunes Bibliothek in Windeseile mit Google Play Music synchronisiert. Dementsprechend rechnet Google auch nicht in Speicherplatz-Größe, sondern Songanzahl. Bis zu 50.000 Songs darf man bei Google abgleichen, egal ob es sich um 2 Sekunden-Songs ala Napalm Death oder halbstündige Arien ala Dream Theater handelt. Ob Google übrigens Songname, Albumtitel oder Künstlername auswertet oder einen Fingerabdruck der Dateien vergleicht, konnte ich bisher nicht klären.

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Bei Google wird nicht hochgeladen, sondern durchsucht …

Der zweite Vorteil hängt eng mit dem ersten zusammen. Da sich Google nicht für die eigentlichen Dateien interessiert, sondern diese nur abgleicht, hat man mit MP3-Tags keinen Ärger. Wer kennt das nicht? Jedes Programm hat einen anderen Standard und möchte Informationen über Künstler, Songtitel oder Coverbild anders aufbereitet haben. Google hat natürlich alle diese Infos in ansehnlicher Form längst vorrätig. Dementsprechend problemlos erhält man bei Play Music dann ein hübsches Cover- sowie Hintergrundbild samt aller nötigen discografischen Informationen.

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Die Google Play Music App unter iOS (links) und Android (rechts)

Im Alltag funktionierte der Dienst dann auch problem- und störungsfrei. Solange WLan oder Datenvolumen vorhanden war, konnte ich mich überall und jederzeit aus der Google-Wolke bedienen.  Störend ist lediglich, dass Google den Zugriff auf das Music-Konto nur von 10 Geräten gleichzeitig zulässt. Für mich, der ständig neue Testgeräte nutzt, ist diese Zahl natürlich schnell geknackt, und da man nur 5 Geräte pro Jahr löschen kann, kam ich Ende 2014 tatsächlich an die zulässige Grenze. Die App an sich ist für Android und iOS verfügbar, sieht auf beiden Systemen sehr ähnlich aus und entspricht der gelungenen Material Design-Optik. Wie für Google typisch, gibt es für Windows Phone 8 keine offizielle App. Die Drittanbieter-Alternativen haben mich nicht überzeugt.

Alles in allem hat Google Play Music seine Versprechungen gehalten. Meine lokale Bibliothek wurde in kürzester Zeit in eine private Streaming-Cloud verwandelt. Funktionsumfang und Bedienerlebnis waren stets so gut, wie ich erwartet hattet. Die bittere Pille bei alledem ist natürlich, dass der Nutzer Google vollen Zugriff auf die gesamte Bibliothek oder einzelne Ordner geben muss. Dabei will ich mir überhaupt nicht ausmalen, welche Daten Google dabei noch gleich miterfasst. Eine App zu installieren, die meinen Computer nach persönlichen Vorlieben durchsucht, würde ich in manchen Konstellation eher als Malware einstufen. Vor allem aber räumt sich Google in seinen Datenschutzbestimmungen ausdrücklich das Recht ein, die Daten aus jedem seiner Dienste mit jedem andere Dienst zu verschneiden. Die Routenplanung von Google Maps, die Youtube-Chronik und die Play Music Bibliothek wird so zu einem großen Gesamtprofil zusammengemixt, das maximale Identifizerbarkeit für Googles Werbemacht ermöglichen soll. Dieser Umstand hat bereits die Hamburgische Aufsichtsbehörde alarmiert und mich ebenfalls stets beunruhigt. Mein Selbstversuch hat bisher zwar keinerlei personalisierte Werbung zu Tage gefördert, die mich als Metalfan adressiert hätte, aber allein das Gefühl, dass Google im Hintergrund gierig analysiert, wann ich welche Songs höre, hat mich stets bereitwillig nach Alternativen Ausschau halten lassen. Auftritt: XBox Music.

Was machen XBox Music und OneDrive besser?

Die neue Integration der OneDrive Cloud in den XBox Music Dienst läuft bereits technisch anders ab. Ich muss keine Spionage-App installieren, sondern kann manuell einzelne Ordner, Alben und Songs in den Musik-Ordner auf OneDrive hochladen. Das Ganze geht dabei entweder über den Browser (dort aber leider nicht ordnerweise) oder über die OneDrive-App per Drag-And-Drop im Windows Explorer oder Mac Finder. Das Gefühl, mehr Kontrolle darüber zu haben, was Microsoft da eigentlich von mir bekommt, ist direkt einmal ein gutes.

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Die Microsoft Lösung erlaubt das manuelle Kopieren zu OneDrive

Das Problem ist natürlich, dass ich tatsächlich die Dateien einzeln hochladen muss. Wer nicht gerade das Glück hat, nachts das universitäre Glasfaser-Netz kapern zu können oder im VDSL- oder Glasfaser-Ausbaugebiet wohnt, muss langwierige Uploadzeiten erdulden. Aber auch bezüglich der Aufbereitung der hochgeladenen Inhalte ist die Microsoft Lösung etwas hemdsärmliger. Wer seine MP3s nur sehr sorglos verwaltet, keine ID-Tags vergibt oder nicht auf Album-Cover geachtet hat, bekommt über die XBox Music App dann auch keine hübsche Aufbereitung. Ich habe den Großteil meiner CD-Sammlung mit iTunes und CDex digitalisiert und musste auch zunächst schlucken: Auch Stunden nachdem ich den Upload gestartet hatte, zeigt die XBox Musik App nur einen „Unknown Artist“ an, zu dem alle Alben und Songs hineinsortiert wurden.

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Die XBox Music App und die Auswahl der Streaming-Daten

Allerdings braucht Microsoft scheinbar nur etwas Zeit, um die Bibliothek zu verarbeiten, denn wenig später sah das Resultat wie erhofft sauber aus. Albumcover und Titelinformationen waren so, wie in der lokalen Musik festgelegt. Zu bekannten Künstlern ergänzt Microsoft wie üblich eine Mini-Biographie oder eine kurze Album-Review. Völlig treffsicher ist die Erkennung der MP3-Tags zwar noch nicht, aber ich gehe doch davon aus, dass Microsoft in Zukunft mit Updates dafür sorgen kann, dass auch exotischere ID-Tags verarbeitet werden können.

Zum ersten Mal seit einer Weile hat Microsoft zudem endlich einmal wieder Windows Phone vorrangig mit einem neuen Dienst beglückt. Ein gutes Signal! Nur dort können die hochgeladenen Songs in der nativen Musik-App aktuell angehört werden. Unter Android und iOS ist momentan ein knapp 10 € pro Monat teurer Music Pass notwendig, um die App überhaupt starten zu können. Das soll sich allerdings bald ändern. Damit wäre XBox Music dann in Sachen Verfügbarkeit der Google Lösung voraus und auf allen drei verbreiteten Betriebssystemen verfügbar. Allein das wäre für mich als chronischer OS-Springer schon einmal ein großes Plus.

Die große Schwäche von Google Play Music könnte die große Stärke von XBox Music sein: Die Privatsphäre der Nutzer. Anders als Google ist Microsoft eher nicht dafür bekannt, allzu schnüffelbasierte Geschäftsstrategien zu verfolgen. Zudem ist Microsoft auch bereit, die Privatsphäre der Nutzer gerichtlich zu verteidigen, wie es gerade bezüglich der E-Mails, die auf irischen Servern liegen, beweist. Ich würde daher davon ausgehen, dass mein Musikgeschmack von Microsoft weniger schnell zum verwertbaren Datensilo degradiert wird. Auch Microsoft könnte aber mehr tun, um die Datenschutzbedenken seiner Nutzer zu beruhigen. Der ideale Ansatz wäre eine echte Ende-zu-Ende-Veschlüsselung der hochgeladenen Songdateien. Damit wäre Microsoft selbst nicht einmal in der Lage, die Daten auszuwerten. Nur authentifizerte Endgeräte könnten die Musik streamen. Zwar verschlüsselt Microsoft die Daten gegenüber Fremdzugriff, kennt aber den Schlüssel. Das wissen wir spätestens seitdem Daten von Verdächtigen an Strafermittlungsbehörden weitergegeben wurden.

Das ist insbesondere deshalb überraschend, weil der eigentliche Hintergrund für den Verzicht auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselungen die sogenannte „Deduplizierung“ ist. In meinem Artikel zum iCloud-Foto-Leak habe ich das bereits erklärt: Um Speicherplatz zu sparen, speichert ein Cloudspeicher-Anbieter eine Datei im Idealfall nur einmal auf seinem Server und spiegelt diese für alle Nutzer, in deren Konto die Datei abgelegt ist. Ich gehe derzeit davon aus, dass Microsoft die gleichen Songs nicht hunderttausendfach auf seinen Servern speichert. Das wäre wohl auch für den Softwaregiganten im Rahmen eines Gratisdienstes zu unwirtschaftlich. Warum Microsoft seinen Nutzern dann aber nicht gleich das langwierige Hochladen erspart, bleibt offen.

Eine Vertrauensfrage

Letztlich läuft die Wahl zwischen Google Play Music und XBox Music für mich auf eine Vertrauensfrage hinaus. Hinsichtlich Bedienbarkeit machen beide Apps eine gute Figur und meine bisherige Erfahrungen mit der XBox Music lässt mich nicht daran zweifeln, dass ich im Endergebnis gleichwertige Dienste erhalte. Für das Angebot von Microsoft spricht die (baldige) Verfügbarkeit für alle drei großen mobilen Plattformen und der dezente Vertrauensvorsprung gegenüber Google. Für Google spricht zwar der einfachere Upload-Vorgang und der Verzicht auf eine Speicherbegrenzung, aber in Zeiten, in denen Microsoft mit OneDrive Speicher nur so um sich wirft und ich den Upload-Vorgang ohnehin nur einmal durchführen muss, überwiegen für mich die Vorteile des Xbox Music Angebots.

Was denkt ihr? Welche Vor- und Nachteile würden euch zu dem einen oder dem anderen Dienst ziehen? Nutzt ihr gar den kostenpflichtigen iTunes Match Dienst von Apple? Und sind lokale MP3-Sammlungen nicht ohnehin Relikte aus der Zeit vor Spotify & Co?

See you in the comments!

Update: Die Music Locker Funktion ist nun auch für Android und iOS verfügbar. Das heißt für mich: Bye, Bye, Google Play Music!

4 Kommentare
  1. DMM
  2. DMM

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