Das Fairphone 2 im Test – Der Preis der Nachhaltigkeit (Gastbeitrag)

Headerbild von Fairphone.com unter CC BY-NC-SA 3.0

Unser Gastautor Lurz hat ein dunkles Geheimnis, über das er bislang den Mantel des Schweigens ausgebreitet hat. Aktuell nutzt er zwar ein HTC One (M8) samt Lineage OS, aber davor gab es ein kontroverses Gerät, über das er bisher nicht sprechen wollte. Warum das so war und warum es nun letztendlich doch eine Art Review gibt, soll er am besten selbst erzählen. Wie immer viel Spaß beim Lesen, DMM.

In „Lost in Translation“, einem meiner Lieblingsfilme, gibt es eine Szene, in der Hauptdarsteller Bill Murray in einer Karaoke-Bar in Tokio „More than This“ von Roxy Music anstimmen muss. Er beginnt seinen Vortrag mit „This is hard!“. Keine Angst, ich werde nicht singen, aber mir geht es gerade ähnlich. Ich möchte über meine Erfahrungen nach einem halben Jahr mit dem Fairphone 2 berichten. Das Dumme ist nur: Das Fairphone 2 und ich, wir haben uns getrennt. Es war ein schwerer Schritt. Wie es dazu kam, warum ich immer noch gern an die gemeinsame Zeit zurückdenke und über Nachhaltigkeit in der mobilen Wegwerfgesellschaft möchte ich in diesem Testbericht berichten.

Warum ich mich für das Fairphone entschieden hatte

Ich wollte eigentlich gar kein Smartphone. Ich war durchaus zufrieden mit meinem achten Jahre alten Sony Ericsson. Das hat zum Musikhören und um zur Not mal die E-Mails zu checken, gereicht. Ich hatte außerdem einige Erfahrung mit einem WLAN-Android-Tablet und war mir sicher: Ein Android Phone so zu beherrschen, dass man die Kontrolle über seine Daten behält, ist einigermaßen schwierig bis unmöglich. Aber diesen Anspruch habe ich eben und bin dafür auch bereit auf Komfort zu verzichten. Apple-Geräte kommen daher wegen des „Goldener Käfig“-Ansatzes für mich von vornherein nicht in Betrecht.

Irgendwann machte mein recht betagter treuer Begleiter aber doch nicht mehr alles mit (konkret scheiterte die Verbindung zum Mailprovider) und ich machte mich auf die Suche nach einem Ersatz. Über das Fairphone hatte ich schon Einiges gelesen und ich fand den Ansatz, nachhaltige Elektronik als unabhängige Firma zu produzieren von Anfang an hochsympathisch. Wir machen uns doch alle viel zu selten Gedanken darüber, wo die vielen Produkte des Alltags denn herkommen, wie die Rohstoffe gewonnen werden und wie die Arbeitsbedingungen bei der Fertigung aussehen. Das euphemistische Wort „Konfliktminerale“ hat beispielsweise jeder schon gehört. Im Kern heißt das, dass für den Abbau Menschen sterben. Gleiches gilt für die Produktionskette bei der Herstellung. Der Markt trägt sein Scherflein bei, diese Probleme zu verschleiern und die aberwitzig schnellen Produktzyklen mit psychologischen Tricks am Leben zu erhalten. Davon sind wir alle nicht frei, viele Probleme, die auch hier im Blog angesprochen werden, hängen damit zusammen. Ich nehme mich da nicht aus, denn „Haben Wollen“ und die Freude an einem ästhetisch ansprechenden Produkt sind auch mir nicht ganz fremd. Fairphone thematisiert diese Konflikte und macht sie in hervorragender Weise transparent. Wer also ein ethisch vertretbares Gerät sein Eigen nennen möchte, hat damit erstmals eine Wahl statt des bloßen Verzichts auf etwas Neues.

Das Fairphone: Mein erstes Android-Smartphone (Foto von Fairphone.com unter CC BY-NC-SA 3.0)

Was mich am Ende überzeugt hat, war die parallele Bereitstellung eines zweiten Betriebssystems, Fairphone Open, welches ohne Google Apps parallel zur Standardinstallation von Fairphone bereitgestellt wird. Das ist quasi ein herstellerunterstütztes Custom-ROM mit der Möglichkeit Root-Rechte zu vergeben und funktioniert ähnlich wie CyanogenMod oder Lineage OS. Auch hier möchte ich mein Lob dafür aussprechen, dass eine kleine Firma einen solchen Kraftakt vollführt. Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit. Beide Betriebssysteme werden zudem monatlich auf den aktuellen Sicherheitspatch-Stand gebracht. Ausdrückliches Ziel von Fairphone ist ein auf mindestens fünf Jahre angelegter Support für die Geräte. Gegenüber den mickrigen zwei bis drei Jahren, die Google maximal bietet, ist das immens.

Weiterhin unbedingt zu erwähnen ist das modulare Konzept des Fairphones. Es ist tatsächlich in wenigen Schritten sehr schnell zu zerlegen und wieder zusammenzubauen, auch ohne handwerkliche Begabung. Display, Akku oder Kameramodul können so schnell ausgebaut und ggf. ersetzt werden. Im Zeitalter der immer stärker zugebauten, spezialverschraubten, verlöteten und verklebten Endgeräte ist das ein absolut begrüßenswerter Ansatz. Das hat die Entwicklung natürlich verteuert, weil Fairphone meines Wissens der erste Hersteller ist, der dieses Konzept zur Marktreife gebracht hat.

Weniger begeistert haben mich allerdings das Design des Fairphones und die für mich damit verbundenen Nachteile. Das Gerät ist für mich ästhetisch nicht sonderlich ansprechend. Ich weiß, das sieht die Fairphone-Community anders und Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Aber ich hasse Bumper! Und ein fetter Bumper ist elementarer Bestandteil des Fairphones, er ist die unverzichtbare Rückseite. Der Bumper sorgt wegen der Gummiumschließung des Displays dafür, dass dieses schwer zu reinigen ist und sich in den Ecken immer statisch aufgeladener Staub ansammelt. Ich gebe es zu, ich bin ein chronischer Display-Dauerputzer. Ich kann Fingerabdrücke und im Licht schimmernden Staub nicht ertragen. Und das übliche Display-über-den Pulli-wischen sorgt beim Fairphone aufgrund des Bumpers für sehr suboptimale Ergebnisse. Im Alltag habe ich mich dann letztlich mit dem Design arrangiert, es war eben etwas speziell und mit einem transparenten Backcover durchaus auf seine Weise schick.

Am Ende habe ich natürlich auch längere Zeit über den Kaufpreis nachgedacht. Der Preis liegt bei derzeit 530 Euro, billiger ist es aufgrund der kontrollierten Vertriebswege auch nicht zu haben. Das ist allerhand, ja! Aber auch hier ist die Transparenz gegenüber dem Endkunden vorbildlich, denn Fairphone hat die Einzelkosten genau aufgeschlüsselt. Dafür bekommt man ein technisch eher unterdurchschnittliches Gerät, Akkulaufzeit und Kamera sind nicht die Wucht, der Snapdragon 801 und 2 GB RAM sichtlich betagt und moderner Schnick-Schnack wie NFC, Fingerabdrucksensor und USB-C-Anschluss fehlen gänzlich. Letzteres fehlt mir aber nicht besonders. Während meiner Zeit mit dem Telefon lief es unter Android 5.1 „Lollipop“ und für das reguläre OS ist mittlerweile Android 6 „Marshmallow“ verfügbar. Fairphone Open zieht demnächst nach.

Licht und Schatten

Anfangs war ich vom Fairphone begeistert. Das ist auch ganz klar, denn ich liebe es, am Betriebssystem zu basteln und ein Smartphone bietet eine Menge Möglichkeiten, sich auszutoben. Ich habe vor einigen Monaten für den Blog von Mike Kuketz einen Artikel verfasst, der sich in erster Linie mit der Absicherung des Telefons befasst. Dort sind die Basics für einen Google-freien Betrieb des Fairphones zu finden. Vor allem die App XPrivacy zum granularen Management der Berechtigungen kann ich jedem Nutzer unterhalb Android 7 nur ans Herz legen (unter Android 7 läuft die App nicht, weil das XPosed Framework derzeit noch nicht verfügbar ist).

Für mich das absolute Highlight meiner Fairphone-Zeit war das Community-Forum. Welches Problem auch immer einen plagt, innerhalb kürzester Zeit wird von den Forist_innen eine Lösung oder zumindest eine solide Aussage präsentiert. Für Fairphone Open hat jemand sogar ein aktuelles Custom Recovery (TWRP) bereitgestellt mit dem auch verschlüsselte Fairphones Backups anlegen konnten. Das Custom Recovery, welches mit der Installation von Fairphone Open automatisch installiert wird, ist dazu nämlich leider nicht in der Lage. Mittlerweile hat es die Community sogar hinbekommen, Lineage OS auf das Fairphone zu zaubern. Ich habe das nie ausprobiert, aber das Fairphone 2 kann auch mit weiteren Betriebssystemen, wie Sailfish, Ubuntu Touch oder Firefox OS betrieben werden. Zum Teil auf experimenteller Basis, aber auch an dieser Front wird im Forum fleißig geforscht.

Modular und leicht zu reparieren: Grandios! (Foto von Fairphone.com unter CC BY-NC-SA 3.0)

Neben all diesen positiven Aspekten, die mich wirklich begeistert haben, will ich auch meine weniger schönen Erfahrungen nicht ausklammern. Zur Erinnerung: Ich habe das Fairphone nicht mehr. Mein Telefon litt nach ca. einem Monat an einem häufiger vorkommenden Hardware-Defekt, nämlich dem „bright spots on display“-Fehler. An sich nicht weiter schlimm, beim Scrollen auf hellem Untergrund (z. B. in den Einstellungen) sprang einem der Fehler aber deutlich ins Auge. Und bei einem Gerät dieser Preisklasse erwarte ich dann doch eine sauber funktionierende Hardware, weswegen ich den Fehler reklamiert habe.

Der Austausch über den deutschen Reseller war leider ziemlich aufwändig. Dieser hatte keine Reparaturbefugnis für das Fairphone. Ich hätte also das ganze Gerät einschicken und dann Weiterleitung an Fairphone, Reparatur und Rücksendung abwarten müssen. Darauf hatte ich verständlicherweise keine Lust, denn ich habe im Gegensatz zum Chef dieses Blogs kein Ersatzgerät im Haushalt. Ich habe also einfach ein neues Modul bestellt und gewechselt. Die Erstattung des defekten Bauteils zog eine Maillawine nach sich, wobei vor allem die Diskussion mit dem Fairphone-Support (auf Englisch) kafkaeske Ausmaße annahm, weil die Bearbeiter_innen öfters wechselten.

Die Geschichte wiederholte sich mit dem exakt gleichen Fehlerbild noch ein weiteres Mal und auch das mittlerweile dritte Display zeigte nach dem Wechsel nach kurzer Zeit wieder das gleiche Fehlerbild. Allerdings mit dem Unterschied, dass ein erneuter Wechsel nicht möglich war, da Displays erst in ein paar Monaten wieder verfügbar sein sollten.

Tolle Idee, aber in meinem Fall nicht immer die perfekte Umsetzung (Foto von Fairphone.com unter CC BY-NC-SA 3.0)

Bei anderen Ersatzteilen gibt es auch gelegentlich Lieferengpässe, selbst für Garantiefälle. Um es kurz zu machen: Mein Vertrauen in das Fairphone und mein Verständnis von Nachhaltigkeit hat einige Dellen erlitten. Ich bin kein Jurist, kann aber eine Suchmaschine bedienen und habe daher den Rücktritt vom Kaufvertrag geltend gemacht. Dabei kam es zum unschönen Versuch, mir für die Rückabwicklung eine „Bearbeitungsgebühr“ abzuverlangen, was ich mit Verweis auf die Rechtslage abwenden konnte. Mittlerweile bin ich zwar immer noch ein wenig betrübt, aber auch recht zufrieden mit einem alten HTC One (M8) mit Lineage OS. Ich rede mir die Lage bezüglich meiner Kaufethik dadurch etwas schöner, dass ich zumindest kein Flaggschiff, sondern ein nach Industriestandards schrottreifes Modell nutze.

Ein weiteres, mittlerweile behobenes Problem war der Uhrzeit-Reset nach jedem Reboot im OS Fairphone Open. Ein geschlagenes Jahr war der Fehler vorhanden, dass sich das Telefon nach dem Booten im Jahr 1970 wieder fand. Ärgerlich und immer etwas Aufwand, wenn man keine automatische Netzwerkuhrzeit verwendet (was ich nicht tue). Ein Problem, von dem viele Nutzer berichten, sind zudem öfter mal vorkommende spontane Reboots. Das kam bei mir glücklicherweise nicht vor, kann in Verbindung mit dem Uhrzeit-Fehler aber natürlich zu einen Ausfall der Weckfunktion sorgen. Wer reguläre Bürozeiten oder Kinder im schulpflichtigen Alter hat, kann daher meine beständige Sorge um verpasste Weckalarme vielleicht nachvollziehen.

Ich fühle mich bei der Schilderung all dieser Unannehmlichkeiten noch immer nicht ganz wohl, weil ich vermute, dass genau das beim Lesen hängenbleibt. Ich möchte daher auch unbedingt noch einmal auf die positiven Effekte des Fairphones hinweisen. Ich bin mir relativ sicher, dass ich zum einen sehr hohe Ansprüche gestellt habe (womöglich wäre der Display-Fehler für andere tolerabel), zum anderen habe ich vermutlich auch ein wenig Pech gehabt. Schade, ich hatte wirklich gehofft mit dem Fairphone einen Partner für die nächsten Jahre zu finden.

Nachhaltigkeit und Wachstum

Woran könnten die beschriebenen Probleme liegen? Ich bin nicht in der Lage eine vollständige Analyse von Fairphone zu liefern, möchte aber zumindest meine Beobachtungen teilen.

Fairphone hat offensichtlich einige Wachstumsschmerzen. Als kleines Projekt mit dem ersten Telefon gestartet, hat sich das zweite Fairphone doch zu einem oft und prominent gefeatureten Stichwortgeber beim Thema Nachhaltigkeit gemausert. Auch der Nachhaltigkeitspreis und eine Platzierung in einer Serie haben die Nachfrage sprunghaft oder zumindest höher als erwartet ansteigen lassen. Diese Nachfrage lässt sich zurzeit aber nur bedingt bedienen. Jeder, der sich die Mühe macht, wird bei einem Provider oder einem der belieferten Online-Shops ein Gerät erstehen können, nur auf der offiziellen Seite von Fairphone ist das zur Zeit und seit einer Weile nicht möglich. Dort kann man mit einigen Monaten Lieferzeit rechnen.

Nachhaltige Herstellung und faire Lieferkette verzögern scheinbar den Nachschub (Foto von Fairphone.com unter CC BY-NC-SA 3.0)

Woran liegt das? Ich kann da nur mutmaßen bzw. die wenigen offiziellen Verlautbarungen im Forum wiedergeben. Dort heißt es in der Regel: „It’s the supply chain, stupid!“. Fairphone ist als kleine und vor allem von Investoren unabhängige Firma eben nur ein sehr kleiner Fisch in der globalen Lieferkette von Elektronikbauteilen. Eine kurzfristig entstehende Nachfrage ist für eine solche Firma ein Problem, gerade wenn der Ausbau der Vertriebsstrukturen (Verkauf über die eigene Plattform, Retailer und Provider) die Planungen immer schwieriger machen.

Die Idee, ein modulares Konzept anzubieten, ist in meinen Augen – aus offensichtlichen Gründen wie einfacher Reparaturfähigkeit – durchaus prima. Fairphone hatte zudem angekündigt, neue Module zum Upgraden des Telefons (z. B. neue Kamera-Module) herauszubringen. Daraus ist bislang noch nichts geworden.

Aus meiner Sicht ist eine vollmodulare Bauweise auch nicht sonderlich erstrebenswert, mir reicht es wenn ich die beiden Hauptausfallkandidaten Display und Akku tauschen kann. Ein Mainboardwechsel ist zwar theoretisch schön und gut, schlägt aber mit einem Preis von Zweidritteln des Gesamtkaufpreises derart heftig zu Buche, dass ich mir dies außerhalb der Garantie arg überlegen würde.

Das modulare Konzept war wohl wegen der aufwändigen Entwicklung auch einer der Hauptkostentreiber für das Fairphone 2, der also weniger den fairen Arbeitsbedingungen noch den möglichst konfliktfreien Mineralien geschuldet war. Das zeigt wiederum, dass im Grunde jeder Hersteller ohne massive Kostenmehrung auf mehr Fairness achten könnte. Ich bin mir sicher, dass der Endkunde solche Bemühungen auch bei der Kaufentscheidung berücksichtigen würde.

Per Ankündigung gibt es im Forum sogar die ersten vagen Pläne für das Fairphone 3. Es soll ein eher im Low-End-Bereich angesiedeltes Projekt mit eventuell kürzerer Supportdauer werden. Das überzeugt mich persönlich weniger. Mein Traum wäre nach wie vor ein verlässliches und langfristig nutzbares Gerät in der oberen Ausstattungsliga.

Ich wünsche Fairphone alles Gute und einen langen Atem um die bestehenden Wehwehchen in den Griff zu bekommen. Der Weg ist definitiv der richtige und das Thema wird auch in den kommenden Jahren Bestand haben. Ich hab mich mit diesem Text wirklich schwer getan. Ich hege immer noch große Sympathie für Fairphone und hoffe, doch zumindest Interesse für die Problematik fairer Elektronik geweckt zu haben.

Yoürz trüly, Lürz!

6 Kommentare
  1. LRZ
  2. DMM
  3. LRZ

Artikel kommentieren

Dein Kommentar wird in der Regel sofort veröffentlicht. Bei erhöhtem Spam-Aufkommen kann es aber zu Verzögerungen kommen. Hab dann bitte einfach Geduld. Bitte beachte auch die Datenschutzhinweise zur Kommentarfunktion.

Notwendige Felder sind mit * markiert.

*