Samsung Gear S3 Frontier am iPhone ausprobiert (Gastbeitrag)

Liebe Leser_innen: Es ist wieder einmal Zeit für einen Gastbeitrag hier im Blog. Die folgenden Zeilen stammen von Benjamin und er hat sich die letzten Wochen die Gear S3 Frontier auf dem iPhone angeschaut. Viel Spaß beim Lesen und wie immer gilt: Auch er freut sich über eure Kommentare. Herzlichst, DMM.

Kaum ein Technik-Accessoire wurde in den letzten Jahren schon dem Grunde nach so umstritten diskutiert wie Smartwatches. Braucht man sie? Kommt der große Hype noch? Ganz im Sinne der noch immer regen Diskussionen soll hier ein Blick auf Samsungs neues (Smartwatch-) Flaggschiff für Abenteuerlustige geworfen werden, die Samsung Gear S3 Frontier. Das Testgerät wurde uns übrigens von Samsung für vier Wochen zur Verfügung gestellt.

Fast perfekte Analogtarnung

Die sportliche Uhr präsentiert sich zunächst mit erwartbar überschaubarem Zubehör. In dem runden Karton befindet sich – neben der Uhr – ein Ladestand samt Netzteil und zwei unterschiedlich lange Armbänder aus Silikon. Die Uhr selbst hat einen Durchmesser von 46 mm und eine Höhe von 12,9 mm. Damit ist sie zwar durchaus etwas dicker als eine handelsübliche Automatikuhr, kann aber noch nicht als klobig bezeichnet werden. Unter einem Pullover oder Hemd kommt sie wegen der Ausmaße aber schon etwas gedrungen daher und trägt durchaus auf. Durch eine IP68-Zertifizierung ist sie nicht nur gegen Staub und Schmutz geschützt, sondern soll auch ein Bad von bis zu 30 Minuten in 1,5m tiefem Wasser überstehen. 

Grundsätzlich sticht die getragene Uhr dem Gegenüber allerdings nicht direkt als Smartwatch ins Auge, sondern wirkt auf den ersten Blick wie eine etwas größere „unsmarte“ Uhr. Die Behauptung, die man online teilweise nachlesen kann, dass die Täuschung mit einem entsprechenden Ziffernblatt perfekt sei, kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Natürlich erkennt man ein Display als solches und eine Verwechslung mit einem analogen Ziffernblatt halte ich für relativ ausgeschlossen.

Das Display gehört eindeutig zu den Stärken und bringt auch filigrane Ziffernblätter gut zur Geltung

Apropos Display: Die Gear S3 Frontier verfügt über ein 1,3″-OLED-Display (3,3cm) mit einer 360×360 Pixel Auflösung, das sich auch von der Seite gut ablesen und – ganz im Gegenteil zum Pendant vom Mitbewerber Apple – durch die optionale „Always-On“-Einstellung wie eine klassische Uhr nutzen lässt.  Zu Lasten der Batterielaufzeit selbstverständlich, denn im Gegensatz zur Pebble hat die Gear S3 eben kein ePaper-Display und benötigt daher immer Strom (weil es auch immer beleuchtet ist). Die Display-Schärfe ist mit 277 ppi zwar nicht mit der aktueller Handys vergleichbar, reicht für eine Smartwatch gefühlt aber aus.

Verarbeitung und Bedienung

Über die Verarbeitung kann man nicht meckern. Die Lünette verfügt über Stopps und lässt sich butterweich drehen. Zwischen Display und Lünette war geringfügig Spiel vorhanden, was allerdings auch der Bauart geschuldet sein könnte und während der normalen Nutzung nicht auffällt. Alle anderen Spaltmaße machen einen guten Eindruck, die Uhr überzeugt mit einem wertigen Gesamteindruck, der nicht zuletzt auch durch das Gewicht in Höhe von 59 g unterstrichen wird. Komplett durchdacht ist das Bedienkonzept mit Lünette, so schön sie erscheinen mag, allerdings nicht, denn intuitiv würde man zur Navigation entweder auf die Lünette tippen oder jedenfalls auf den oberen der beiden Knöpfe drücken, beides führt nicht zum Erfolg. 

Die Bedienung über die Lünette ist gelungen, aber nicht 100 % zuende gedacht

Die Lünettenbedienung bedarf oft der ergänzenden Nutzung des Touchscreens und der obere Knopf kehrt eine Ebene zurück, während der untere Knopf zurück zur Uhransicht führt. Dieses Konzept überzeugt nicht, da ständig zwischen Display und Lünette hin und her gewechselt werden muss. Beides sind in der Standardkonfiguration durchaus gewöhnungsbedürftige Konzepte, da nicht unbedingt naheliegend.

Nutzung mit dem iPhone

Wer die Gear S3 mit dem iPhone koppeln möchte, der muss zunächst die Samsung Gear App installieren. Und an dieser Stelle fängt das Ungemach an, denn die App macht nicht nur optisch einen wirklich grausamen Eindruck, sondern verhagelt die Laune des Nutzers durch recht unsinnige Übersetzungen, überflüssige Captchas und eine Datenübertragungsrate der Apps und Ziffernblätter an die Uhr, bei der 56k-Modems ein spontanes Revival feiern könnten. Will man neue Ziffernblätter oder Apps auf die Uhr spielen, dann funktionierte das bei unserem Testexemplar mit einer prähistorischen Datenrate von rund 50 kbit/s. Das ist selbst für BT 4.2 zu wenig. Hier bleibt zu hoffen, dass das Problem softwareseitiger Natur ist und durch ein Update der App behoben werden kann. Wieso Samsung die Account-Erstellung innerhalb der App mit einem Captcha verkompliziert ist dem Tester ebenfalls nicht klar, hier wurde vermutlich nur eine Webanwendung recycled.

Die gesamte Anmutung wirkt wie eine lieblose Portierung einer Androidversion. Wieso man die Anwendung nicht einmal ansatzweise an das Look und Feel von iOS anpassen konnte, dürften nur die Entscheider bei Samsung erklären können. Ansonsten läuft die Samsung App unter iOS (mit den genannten Einschränkungen in der Optik und im Bedienkonzept) aber problemlos.

Wenn sie dann allerdings gepaired und eingerichtet ist, dann läuft sie gut, zeigt Notifications an, misst den Puls und spielt auch Musik mit einem BT-Headset ab. Letzteres allerdings nur, wenn man die Musik vorher via WLAN über ein Web-Interface Song für Song auf die Uhr gespielt hat. Das hat den Vorteil, dass man die Musiksammlung nicht als Lebenswerk über die App synchronisieren muss, hat allerdings den Nachteil des Uploads Datei für Datei; Beides nicht vergnügungssteuerpflichtig. Bei dem Upload von Musik im Lossless-Format FLAC hat der Upload die Arbeit übrigens verweigert und das Web-Interface musste neu geladen werden.

Musik wird Song für Song per Web-Interface übertragen

Wie fast alle Smartwatches der neuesten Generation, wurde auch bei der Gear S3 eine Fitnessfunktionalität integriert. Die Uhr kann den Puls messen, verwendet dafür eine optische Pulsmessung und kann bei Läufern z.B. auch die gelaufene Strecke durch den integrierten GPS-Empfänger tracken. Man sollte im Hinterkopf behalten, dass die Pulsmessung am Handgelenk immer nur mäßig genau ist, bessere Ergebnisse wird man mit einem Brustgurt erhalten. Auch bei der Gear S3 wirkt der von der Uhr gemessene Puls teilweise etwas höher als in Wirklichkeit, komplette Ausreißer gab es während des Testzeitraumes allerdings nicht. In der Praxis ist die Schritterkennung mit anderen Trackern vergleichbar, wenngleich die Uhr bei einem schnelleren Gang oft fälschlich ein Workout erkennt (um einem witzigerweise sogleich per Notification zum Workout zu gratulieren).

Ein rückseitiger Pulsmesser ist natürlich auch dabei

Bilder auf die Uhr zu spielen, gelingt mit der Gear App. Wer jedoch umgekehrt etwa Screenshots von der Uhr auf das Handy spielen will, schaut in die Röhre, denn das war uns im Test nicht möglich. Die Uhr sah lediglich die Möglichkeit vor, die Bilder zu löschen und eine entsprechende Option fand sich auch nicht in der Handy-App.

Fazit nach drei Wochen

Die Gear S3 ist ein hübsches, für ihren Nutzen aber doch recht teures Gadget. Meine Begeisterung hat schon nach wenigen Tagen des Rumspielens merklich nachgelassen, danach wurde die Uhr im Wesentlichen für die Anzeige von Notifications genutzt. Aber muss man eigentlich alle Anrufe, Nachrichten oder E-Mails unmittelbar zur Kenntnis nehmen? Das dürfte eine grundsätzliche Frage sein, die am Ende jeder für sich entscheiden muss. Ich persönlich ziehe die mechanische Variante einer smarten Uhr aktuell noch vor, denn auf die Notifications kann ich verzichten und für das Fitnesstracking kann man die deutlich günstigere Samsung Gear Fit 2 anschaffen (was ich übrigens nach diesem Review auch getan habe). Auch der Preis gegenüber einer guten mechanischen Uhr ist kein Argument, da eine Smartwatch realistisch betrachtet eine Nutzungsdauer von etwa zwei Jahren hat. Vergleicht man den daraus errechneten Nutzungspreis pro Jahr, dann kann man auch problemlos zu einer mechanischen Uhr aus der Schweiz greifen, die man auch vermutlich länger als 10 Jahre nutzen kann und wird.

Am Ende hat eine Smartwatch zwar durchaus ihre Daseinsberechtigung. Zu einem Preis in Höhe von 399,- Euro (Straßenpreis gerade eher bei 350,- Euro) gibt es an dieser Stelle allerdings nur eine bedingte Kaufempfehlung.

Benny

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