Google Pixel (XL) im Test: Leider keine einfache Wahl

Endlich ein Android-Smartphone, das es tatsächlich in Sachen Bedienkomfort mit dem iPhone aufnehmen kann. So kurz und knapp will ich meinen Beitrag zum Google Pixel einleiten und das Fazit teilweise vorweg nehmen. Die letzten 2 Wochen konnte ich das Google Pixel dank einer privaten Leihgabe im Alltag ausprobieren und ihm auf den Zahn fühlen. Dabei habe ich das Pixel natürlich auch mit dem iPhone 7 sowie den bisherigen Google Nexus Geräten verglichen. Obwohl ich direkt mit Lob in den Beitrag gestartet bin, hat sich das Google Pixel letztlich aber auch als schwieriger Kandidat gezeigt. Einerseits schafft es Google endlich, wichtige Hürden zu nehmen und andererseits steckt Google in altbekannten Schlamasseln fest. Das Google Pixel ist leider keine einfache Wahl.

Hardware ohne Ambitionen

Die Hardware kann ich relativ schnell als wenig ambitioniert abhaken. Das Gerät gewinnt weder Preise für Schönheit noch für Innovation. Es ist funktional, liegt dank der geraden Kanten gut in der Hand und fällt ansonsten durch keinerlei Besonderheiten auf. Üppige Displayränder an der Ober- und Unterseite sorgen dabei für einen Look, der den aktuellen iPhones ähnelt. Allerdings ohne dabei – wie beim iPhone – den Platz um das Display für irgendetwas Nutzbares einzusetzen: Weder Hardware-Tasten noch Stereo-Lautsprecher kann das Pixel vorweisen. Es mag sein, dass unter der Haube viel tolle Technik steckt, die eine derartige Platzverschwendung rechtfertigt. Rein äußerlich bleibt der Eindruck zunächst aber wenig elegant. Nun ist es kein Geheimnis, dass Google sich für die Fertigung des Google Pixel bei HTC als Auftragsfertiger bedient hat. Der Konsens im Netz? Google hat schlicht das frühere HTC One A9 recycelt und minimal angepasst. Das Ergebnis ist meiner Meinung nach ein beinahe charakterloser Prototyp-Look.

Es wundert mich also nicht, dass der private Spender meines Leihgeräts das langweilige Pixel sofort mit einem dbrand Skin (#noad) aufgehübscht hat. Herzlichen Dank an Rasmus (@realogel) an dieser Stelle. Bilder vom blanken Gerät werdet ihr hier also nicht sehen, sollten sich aber leicht andernorts finden lassen. Das einzig Besondere am gesamten Design ist im Grunde die rückseitige Glasfläche, die den Fingerabdrucksensor und die Kamera umfasst. Diese Fläche ragt minimal hervor und zeichnet sich unter dem Skin leicht ab.

Loben muss ich aber, dass Google das Pixel dick genug gemacht hat, um den Kamerasensor flach mit der Rückseite abzuschließen. Das Gerät wirkt so zwar etwas klobig, aber den Drang nach immer dünneren Smartphones ist mir ohnehin eher fremd. Die Akkukapazität deutet mit nur 2770 mAh allerdings nicht darauf hin, dass der Extra-Platz für einen besonders großen Akku genutzt wurde. In 5 Zoll Geräten hat man jedenfalls schon größere Akkus gesehen, allerdings auch kleinere. Das für diesen Test genutzte Pixel war übrigens die 5 Zoll Version. Bis auf die höhere Displayauflösung und den größeren Akku gleicht das kleinere 5 Zoll Modell der größeren 5,5 Zoll Schwester, dem Google Pixel XL vollständig.

Fast schon antiquiert wirkt der einsame Lautsprecher an der Unterseite. Der klingt nicht nur erwartet eindimensional, sondern ist für Rechtshänder auch so blöd positioniert, dass er bei einhändiger Bedienung gern vom kleinen Finger verdeckt wird. Die Lautstärke ist zwar zufriedenstellend, aber egal ob iPhone 7, Nexus 6P oder Klassiker wie das HTC One (M8): Gegen echten oder jedenfalls beinahe-Stereo-Sound kommt das Google Pixel nicht an.

Das Display zeigt dafür keinerlei Schwächen. Mit Full-HD auf 5 Zoll bietet Google gewohnte Kost auf hohem Niveau. Die erreichten knapp 441 PPI (Pixel per Inch) sind aber auch für meine Schärfe-verliebten Augen völlig ausreichend und dank des Amoled-Panels bietet das Display satte Schwarzwerte und knackige Farben. Ich persönlich stelle in den Entwickler-Einstellungen aber immer den sRGB-Modus ein, weil mir der knallig, grelle Amoled-Look ansonsten zu sehr auf die Nerven geht. Sehr gefallen hat mir übrigens die Reaktionsgeschwindigkeit bzw. Schaltzeit des Panels. Scrolle ich beim iPhone 7 z.B. schnell durch Texte zeigt das LCD-Display des iPhone 7 sichtbare Schlieren und Text-Spuren. Das Display des Google Pixel hingegen bleibt auch bei schnell fließendem Text immer angenehm scharf. Zusammen mit der deutlich höheren Pixeldichte bleibe ich daher dabei, dass Apple hier seit dem iPhone 6 extremen Rückstand aufzuholen hat.

Ein echtes Highlight ist dann aber die Kamera. Bereits die Fotoqualität der inoffiziellen Vorgänger zum Google Pixel, dem Nexus 5X und dem Nexus 6P, war erstklassig. Das liegt teilweise am lichtstarken großen Sensor, aber wohl mehr noch an der erstklassigen Foto-Software von Google. Egal unter welchen Umständen: Das Google Pixel macht für meinen Geschmack immer knackige, intensive und scharfe Fotos. Gerade im Vergleich zum tendenziell überbelichtenden oder blassen iPhone 7 bevorzuge ich oft Googles Fotoqualität. Mit einem Doppel-Klick auf den Power-Button ist die Kamera auch schnell einsatzbereit, was das Google Pixel insgesamt zu einem erfreulich zuverlässigen und fähigen Kamera-Smartphone macht. Hier ein paar Vergleichsfotos in Originalauflösung (jeweils oben das Pixel und unten das iPhone 7):

Zuletzt noch eine Sache: Das Gehäuse des Google Pixel ist nicht wasserdicht gemäß IP67. Das Feature mögen andere vermissen. Ich tue es nicht. Die sonstige Verarbeitung fiel mir ebenfalls nicht negativ auf. Nerviges Geklapper, lockere Tasten oder knackendes Displayglas blieben jedenfalls aus.

Traumhafter Bedienkomfort

Auf die weitgehend uninspirierte Hardware folgt aber ein umwerfender Eindruck in Sachen Bedienkomfort. Die Software des Google Pixel ist traumhaft geschmeidig und reaktionsschnell. Apps starten fix, Multitasking fühlt sich locker leicht an und die gesamte Interaktion mit der Nutzeroberfläche läuft ohne Stottern mit butterweichen Animationen. Gefühlt wirkt das Pixel sogar eine Spur flotter als der bisher Sprint-König, das iPhone 7. Dank der On-Screen-Tasten und der organischen Animationen von Material Design wirkt die Bedienung müheloser als beim iPhone, das primär über taktilen Input via Home-Button bedient wird.

Die Gründe dafür würde ich aber weniger in der potenten Hardware suchen. Einen Snapdragon 821 und 4 GB finden man auch andernorts, ohne dass dabei ein derart rundes Bediengefühl herauskommen muss. Ich vermute stattdessen, dass Google sich eine extra Ladung Mühe gemacht hat, das Pixel softwareseitig bis ans Limit der Performance zu optimieren. Das ist ihnen jedenfalls gelungen.

Zum Bedienkomfort zählt für mich auch die Frage, wie oft das Pixel an die Steckdose muss. Und hier kann ich noch einmal volles Lob aussprechen. Ich habe stets locker über 3 Stunden Display-On-Time erreicht, meist über 4 Stunden und teilweise über 5. Nie hatte ich Probleme, auch mit intensiver Nutzung, bis in den späten Abend zu kommen und dank Quick Charging über den beidseitig-steckbaren USB-C Port ist das Pixel auch in knapp über einer Stunde wieder voll. Erstklassig!

Was macht das Pixel besonders?

Das vermeintliche Alleinstellungsmerkmal des Pixel ist bzw. war sicherlich der Google Assistent, der sich über die Home-Taste aufrufen lässt. Diesbezüglich haben schon viele meiner Blogger-Kollegen augenrollend betont, dass die Fähigkeiten des Assistenten in Deutschland noch eher limitiert sind und sich die Fähigkeiten des Google Sprachassistenten stark unterscheiden, je nachdem ob man mit ihm über das Google-Such-Widget, die Messenger-App Allo oder eben den neuen Assistenten interagiert. Mich persönlich stört all das aber gar nicht so sehr. Mich stört eher, dass Google nach wie vor keine hardwareseitige Möglichkeit vorsieht, den Helfer herbeizurufen. Entweder aktiviere ich die „OK, Google“ Hotword-Erkennung mit all seinen zweifelhaften Folgen für die Privatsphäre oder ich muss das Gerät aufwecken und den Assistenten umständlich über die Wischgeste vom Sperrbildschirm starten. Hier zeigt sich dann eben doch der oben noch negativ angemerkte Home-Button der iOS-Geräte. Aus dem Standby kurz eine Taste gedrückt halten und los reden, ist eben doch komfortabler. Ich nutze Siri am iPhone deshalb viel öfter als den Google Sprachassistenten bei Android. Mittlerweile hat Google angekündigt, dass viele Android Smartphones – einige technische Merkmale vorausgesetzt –  den Assistenten über ein Update des Google Play Dienstes in den kommenden Wochen erhalten werden. Als Alleinstellungsmerkmal taugt der Assistent damit bald kaum noch.

Interessanter ist da schon eher der Pixel Launcher. Die auf dem Pixel vorinstallierte Oberfläche hat den Google Now Launcher mehr oder weniger abgelöst, ist aber bisher offiziell nur auf den Pixel Geräten verfügbar. Wirklich locken dürfte er allerdings nur echte Android-Puristen, die stets Android so nutzen möchten, wie es Google aktuell gestaltet. Ich persönlich nutze den Launcher schon seit Monaten über die inoffiziell verfügbaren .apk Dateien auf meinem Nexus 6P. Mein HTC One M8 gibt sich dank LineageOS-Custom-ROM ohnehin als Pixel-Gerät aus, so dass er dort über den Play Store geladen werden kann. Aber ich mag den neuen Launcher sehr. Der integrierte Browser für Hintergrundbilder ist schick, der durch Hochwischen erreichbare App-Drawer macht Platz für eine zusätzliche App in der App-Leiste und insgesamt stimmt die Performance. Aber auch hier ist klar: Die Aussicht, den Pixel Launcher offiziell und in Reinform zur Verfügung zu haben, ist natürlich für sich allein keinerlei Kaufargument.

Als letze Besonderheit wäre da der integrierte Support-Chat zu nennen. In den Einstellungen gibt es nun zwei Spalten. In der rechten finden sich alle bekannten Einträge der Systemsteuerung und in der rechten der neue Support-Tab. Man kann entweder direkt den Support anrufen oder – praktischer – mit einem Mitarbeiter chatten. Das funktioniert laut dem Eigentümer, der mir das Gerät wie gesagt geliehen und schon einige Wochen selber genutzt hat, erfreulich gut.

Rechtfertigt das Pixel seinen Preis?

Die entscheidende Frage bleibt: Ist das Google Pixel seine mindestens 700 Euro wert? Mein persönliches Urteil lautet letzlich ‚Nein‘. Hier und heute bietet das Gerät mit einer klasse Kamera, toller Akkulaufzeit und einem unerreichten Bedienkomfort zwar sehr viel Begehrenswertes. Um sich aber sein heftiges Preisschild wirklich zu verdienen, muss eben auch drumherum alles stimmen. Das gewöhnliche Design und den lahmen Single-Speaker will ich dabei gar nicht zu sehr negativ verbuchen. Schließlich hat es auch Apple seit Jahren mit einem ähnlichen öden Look und mehr als konservativer Feature-Politik nicht viel besser gemacht.

Was Apple aber weiterhin deutlich von Google absetzt, ist das Drumherum. Wer heute ein aktuelles iPhone kauft, kann damit rechnen, auch in 4 bis 5 Jahren noch Softwareupdates und Sicherheitspatches zu erhalten. Auch der Support von Apple Care ist meiner Meinung nach den etwas unklaren Garantiebedingungen beim Google Pixel voraus. Das Pixel hingegen hat bereits heute ein Verfallsdatum. Voraussichtlich ab Herbst 2019 wird Google dem Pixel keine Betriebssystems-Updates mehr spendieren und ein Jahr später auch den Support mit Sicherheitspatches einstellen. Das Zeitfenster schrumpft, in dem der „Google-Bonus“, also direkte Updates von Google selbst, etwas zählt.

Auch ein halbes Jahr nach Verkaufsstart kann Google kaum ausreichend Stückzahl liefern. Es gibt zudem keinen freien Handel mit dem Pixel. Einzige Anlaufstellen sind der Google Store und die deutsche Telekom. Das hält den Preis weiter auf sehr hohem Niveau und mit jedem Monat nähern wir uns dem unweigerlichen Nachfolger. Ich tue mich alles in allem deshalb extrem schwer, irgendjemand anderem als echten Android Puristen noch zu einem Pixel zu raten. Trotz aller Stärken ist das Gesamtpaket mir jedenfalls keine 700 Euro (und mehr) wert. Wenn das Pixel als Gegenentwurf zum iPhone geplant war, dann hat Google die Gelegenheit für einen guten Ersteindruck jedenfalls verpasst.

Ein halbes Jahr nach Release steckt das Pixel weiter in der Android-Vergangenheit fest, will sich aber schon bezahlen lassen, als hätte man diese Vergangenheit abgeschüttelt. Das kann nicht funktionieren.

See you in the comments!

2 Kommentare
  1. DMM

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