Das späte Android Wear 2.0 – Getestet auf der Moto 360

Es fühlt sich nach einer Ewigkeit an, die seit dem großen Smartwatch-Hype vergangen ist. Auch hier im Blog haben wir Wearables Mitte 2014 noch als Trend gefeiert und in der Folge reihenweise smarte Uhren von Pebble, Sony oder Motorola getestet. Mitte 2016 war es dann aber selbst für mich als Fan erster Stunde klar, dass der Trend vorbei, der Hype dahin und Smartwatches als Next-Big-Thing gescheitert sind.

Mitte 2016 war interessanter Weise aber auch die Zeit, in der Google ein großes Update für sein Uhren-Betriebssystem ankündigte. Genauer gesagt auf der letztjährigen Google I/O 2016 stellte Google die neue Version 2.0 von Android Wear vor. Angekündigt wurde damals ein zeitgleicher Release mit Android 7.0 „Nougat“ für Smartphones im Herbst 2016 . Aus diesen Plänen wurde nichts. Erst mit ganz erheblicher Verspätung erreichte das Update im Frühjahr 2017 die unterstützten Geräte. Die Moto 360 (2015) musste sogar bis Juni 2017 warten. Ich habe das bei uns wartende Leihgerät natürlich wieder hervorgekramt, die neue Software installiert und werde in diesem Beitrag kurz erklären, wie sich die Smartwatch-Welt mittlerweile verändert hat, was an Android Wear 2.0 neu ist und ob Google damit neue Argumente für eine Anschaffung präsentieren kann.

Die verlorene Vorreiterrolle

Ursprünglich nahm Google eine Pionierrolle ein. Die ersten Smartwatches stellte Google mit Android Wear bereits im März 2014 vor und brachte im Sommer 2014 früh (noch recht grobschlächtige) Modelle von LG und Samsung in den Handel. Der große Konkurrent Apple folgte mit der ersten Apple Watch erst im Frühjahr 2015 und hatte zunächst mit reichlich Kritik wegen der komplizierten Bedienung und unklaren Ausrichtung zu kämpfen. Im Grunde befand sich Google also in der komfortablen Situation, der Konkurrenz eine Generation voraus zu sein, dank großer Herstellervielfalt für jeden Geschmack etwas zu haben und mit Android Wear sogar die meiner Meinung nach elegantere Bedienoberfläche vorweisen zu können.

Spult man jetzt aber zwei Jahre vor in den aktuellen Sommer 2017, dann hat sich dieser Vorsprung bemerkenswert deutlich in Luft aufgelöst. Android Wear hat außerhalb der Technik-Enthusiasten-Szene nie größere Bekanntheit erreicht und einige Hardware-Partner der ersten Stunde haben sich schon wieder verabschiedet. Motorola etwa baute zwar mit der ersten Moto 360 die wohl originellste Smartwatch, hat Anfang 2016 aber bekanntgegeben, keine weiteren Uhren veröffentlichen zu wollen. Google selbst fasste sich zum Release von Android Wear 2.0 zwar noch einmal ein Herz und stellte Anfang 2017 neue Uhren in Kooperation mit LG vor, stieß damit aber ebenfalls eher auf gemischte Reaktionen. Während der diesjährigen Google I/O 2017 Eröffnungskeynote gab es dann sogar überhaupt kein Wort mehr zu den Plänen mit Android Wear. Der Schwung, den Googles Smartwatch-Bemühungen einmal hatten, scheint verloren.

Die Apple Watch gilt es zu schlagen

Dieser verlorene Schwung wird umso deutlicher, wenn man sich anschaut, wie die von mir zunächst mächtig kritisierte Apple Watch mittlerweile ihren Groove gefunden hat. Ihre Software und Bedienung haben den verwirrenden „Ich will alles können“-Ansatz abgeschüttelt und Apple fokussiert sich mehr und mehr auf klare Anwendungsbereiche wie Fitness, Benachrichtigungen und Musikwiedergabe. Mit den neuen Apple Watch Modellen (Series 1 und Series 2) sind zudem auch die Hardwareschwächen der ersten Generation mehr und mehr ausgebügelt worden. Zusammen mit reichlich Werbeaufwand und seinem starken Markennamen hat Apple es so geschafft, die Apple Watch weitgehend zum Synonym für Smartwatches zu machen. Zwar hat auch die Apple Uhr so ihre Probleme. Unter anderem stellten Google, Amazon und eBay im Frühjahr 2017 überraschend (und von vielen unbemerkt) ihre Watch-Apps ein. Innerhalb des Wearables Marktes ist die Apple Watch aber die einzige Smartwatch, die ihrem Hersteller wirtschaftlich nennenswert Gewinn und Marktanteil beschert hat. Schätzungen zufolge erreicht die Apple Watch mittlerweile 80 % des Umsatzes, der überhaupt mit Smartwatches erreicht wird.

Was ist neu bei Android Wear 2.0?

Dass Android Wear 2.0 nach immensen Verspätungen erst jetzt auch ältere Smartwatches erreicht, darf vor diesem Hintergrund also durchaus Skepsis hinsichtlich Googles weiteren Engagements erzeugen. Dass wir hier im Blog überhaupt noch über eine kompatible Android Wear Uhr verfügen, liegt einzig daran, dass die PR-Abteilung von Motorola Deutschland mit Engelsgeduld seit Herbst 2016 die Leihdauer für unser Testgerät immer wieder verlängerte, als sich der Release von Android Wear 2.0 weiter und weiter verzögerte. Dafür an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.

Immer noch ein Hingucker: Die Moto 360 (2015)

Bevor ich auf die neue Software eingehe, nur noch ein kurzer Rückblick auf die Moto 360 (2015) an sich. Getestet habe ich die Software auf der 42mm Version, also dem im Vergleich zur 46mm Version kleineren Modell. Neben all den Konkurrenten, die davor und danach vorgestellt wurden, halte ich sie mit ihrem runden Gehäuse und dem schlichten Look immer noch für eine erstklassige Wahl. Im Grund war sie für mich immer eine Art Referenz in Sachen Android Wear. Hardwareseitig fehlt der Moto 360 lediglich ein kleines Details: eine drehbare Krone. Der kleiner Knopf an der Moto 360 kann lediglich gedrückt werden, während er an den neueren Android Wear Modellen – wie bei der Apple Watch – als Drehrad genutzt werden kann, um durch Menüs etc. zu scrollen. Auf dieses mit Android Wear 2.0 eingeführte Feature muss die Moto 360 wie viele andere ältere Geräte leider verzichten.

Auf der Softwareseite hat sich durch das Update auf Android Wear 2.0 deutlich mehr verändert, als durch die bisherigen großen und kleinen Updates. Rein optisch wird jedem auffallen, dass die gesamte Bedienoberfläche nun sehr viel dunkler gehalten ist. Der Sinn dahinter erschließt sich mit Blick auf die knappen Akkuressourcen der Smartwatches natürlich sofort. Allerdings profitiert die Moto 360 aufgrund ihres LCD-Display kaum davon. Bei Smartwatches mit AMOLED-Display, wo schwarze Bereiche durch Abschalten einzelner Pixel erreicht werden, dürfte sich der neue dunkle Look spürbarer auswirken. De fakto ist die Laufzeit bei mir nach dem Update jedenfalls identisch. Abends komme ich trotz dauerhaft aktiviertem Display weiterhin mit komfortablen 40 – 50% Restladung nach Hause.

Genauso deutlich wie die optischen Veränderungen ist auch die vereinfachte Bedienung. Während man früher durch viele verschiedene Ebenen wischen musste, um Shortcuts, Einstellungen, Google Now oder die Apps zu erreichen, hat Android Wear 2.0 die einzelnen Bereiche jetzt deutlicher konzentriert. Der Schnellzugriff auf Flugmodus, Einstellungen und Nicht-Stören sind jetzt allesamt in einem einzelnen Panel zusammengefasst, das jederzeit von oben herunter gewischt werden kann. Streicht man nach links oder rechts wechselt man nun einfach die verschiedenen Ziffernblätter. Drückt man die Seitentaste, öffnet sich direkt die Appübersicht samt kürzlich genutzter Apps an der Spitze. Betätigt man den Knopf erneut, kommt man von überall zurück auf das zentrale Ziffernblatt. Ein langer Druck öffnet den Google Assistent, der den gewohnten Funktionsumfang bietet. Die einzelnen Benachrichtigungen und Hintergrundprozesse, wie zum Beispiel eine aktive Musikwiedergabe, erreicht man wie gehabt durch vertikales Scrollen. Die so erreichbaren, einzelnen Karten sind zudem bildschirmfüllend und bietet oft mehr Informationen.

Alles in allem ist die gesamte Bedienung wirklich sehr viel intuitiver und konzentrierter geworden. Das Design der Bedienoberfläche fand ich zwar schon immer besser als das der Apple Watch, aber seit Android Wear 2.0 habe ich tatsächlich den Eindruck, dass auch Einsteiger sehr schnell mit dem System warm werden können und sich nicht mehr in dutzenden verschachtelten Untermenüs verlieren würden.

Die vermeintlich größte Neuerung sind die Standalone-Apps, die unabhängig von einem gekoppelten Smartphone autark auf der Uhr laufen können. Der beliebte Telegram-Messenger, Googles eigener Play Music Service oder Fitness-Apps wie Runkeeper brauchen also kein Smartphone mehr, um zu funktionieren. Wie nützlich diese selbstständigen Apps dann aber wirklich sind, hängt stark davon ab, welche Smartwatch man benutzt. Die Runkeeper-App benötigt eben einen GPS-Sensor. Den hat nicht jede Android Wear Uhr. Die selbstständige Spotify App wiederum kann ohne eigene Datenverbindung der Smartwatch natürlich auch keine Musik streamen. Uhren mit eigener SIM-Karte sind aber ebenfalls noch die Ausnahme. Enttäuschender Weise hat die Android Wear Spotify App anders als die App für die Samsung Gear S3 keine Offline-Abspielfunktion bekommen. Spotify-Playlisten offline speichern, um sie dann im Fitnessstudio nur über die Uhr zu hören, klappt unter Android Wear 2.0 noch nicht, so dass der vorhandener lokale Speicher weiter ungenutzt bleibt. Bisher hält sich der Mehrwert dieser selbstständigen Smartwatch-Apps für mich daher in Grenzen.

Ich hab die Uhr übrigens primär mit einem Android Smartphone genutzt. Die Verbindung mit einem iPhone ist aber auch unter Android Wear 2.0 weiterhin möglich, nur eben – wie gewohnt – mit Einschränkungen dank Apples geschlossenem System. Immerhin können Entwickler, ihre Android Wear Apps aber so anpassen, dass sie auch funktionieren, wenn die Uhr mit einem iPhone gekoppelt ist.

Ohne Smartwatch verpasst man weiterhin nichts

Ich erinnere mich noch gut daran, wie Google im Sommer 2014 die ersten Konzepte und Promovideos zu den ersten Android Wear Uhren veröffentlichte. Mit – das gebe ich zu – ein wenig Nostalgie blicke ich zurück auf die Spannung, die damals in der Luft lag. Aus der Erwartung smarter Alltagshelfer ist mittlerweile aber die Erkenntnis geworden, dass Smartwatches kaum mehr bieten, als in ganz bestimmten Situationen ganz bestimmte Aufgaben zu vereinfachen. Genauso wie Apple hat Google seine zunächst sehr breite Vision von Smartwatches massiv eingedampft. Das merkt man Android Wear 2.0 deutlich an. Die Bedienung ist fokussierter und übersichtlicher geworden. Nützlicher ist Android Wear damit aber nicht automatisch geworden. Wer bisher nichts mit einer Smartwatch anfangen konnte, bekommt mit Android Wear 2.0 kaum neue Argumente. Gleiches habe ich schon in meinem Testbericht zur Apple Watch (Series 1) gesagt: Bei Smartwatches verpasst man derzeit nichts.

Google und Apple haben ohnehin längst andere Bereiche identifiziert, die in Zukunft spürbarer unseren Alltag verändern sollen. Augmented Reality, Automobile Software und vor allem der allgegenwärtige Flirt mit Artificial Intelligence haben die Smartwatch rechts überholt. Ich würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn wir in den nächsten Jahren miterleben, wie Google Android Wear in eine ähnliche Stasis versetzt, in der sich Google Glass die letzten drei Jahre befand. Erst ein deutlicher Entwicklungssprung bei Akku- und Displaytechnik sowie Prozessorleistung könnte dem Konzept der Smartwatch neues Leben einhauchen. Bis dahin dürfte dank Google Home, Amazon Echo und Apple HomePod auch eine ganz andere Internet-der-Dinge-Landschaft vorhanden sein, in der Smartwatches als Allround-Fernbedienung für das smarte Heim eine kleine Renaissance erleben könnten.

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