Das Essential Phone (PH-1) im Rückblick – Da geht noch was, Andy!

Manchmal glaube ich, dass ich unbelehrbar bin. Egal, wieviele miese Reviews ein Smartphone bekommt: Wenn es nur schick genug aussieht, können die Technik-Expertinnen da draußen so viele kritische Testberichte veröffentlichten, wie sie wollen: irgendwas in mir will einfach glauben, dass das schicke Äußere die dutzendfach beschriebenen Kritikpunkte doch irgendwie ausgleichen wird. So ist es mir vor einiger Zeit beim Oneplus X ergangen und so war es auch wieder beim heutigen Testobjekt, dem Essential Phone (PH-1) von Android-Legende Andy Rubin.

Seit Ende August 2017 ist das lange heiß erwartete Erstwerk von Essential im Handel erhältlich, seit Februar 2018 sind zudem drei weitere Farbvarianten verfügbar. Das schicke Smartphone macht vor allem mit seinem – fast 85 % der Gehäusefront einnehmenden – Display und dem ersten Displayausschnitt („Notch“) der jüngeren Smartphone-Geschichte auf sich aufmerksam. Bisher ist es zwar nicht offiziell in Deutschland verfügbar, mittlerweile haben aber genug Interessierte das Smartphone importiert oder von US-Reisen mitgebracht, so dass man auf eBay mit etwas Geduld für ca. 400 € fündig wird. Die letzten Wochen habe ich so mit dem PH-1 verbracht und schildere meine Eindrück in diesem Rückblick-Review.

Früher Hype, späte Ernüchterung

Als Andy Rubin am 30. Mai 2017 kurz nach einem Exklusivbericht von The Verge das Essential Phone ankündigte, hatte das ein bisschen was von einem „Messias-Ereignis“. Andy Rubin, der Android-Mitbegründer kehrt zurück, um seine Gemeinde eigenhändig wieder ins Licht zu führen, den ewig-gleichen Designs der Android-Smartphones neues Leben einzuhauen und den etablierten Herstellern zu zeigen, wie man es richtig macht. So (oder so ähnlich) las man es im Sommer 2017 in vielen Artikeln. Die Vorschusslorbeeren und  Lobeshymnen überschlugen sich. Darauf folgte dann allerdings erstmal ein langes Warten und nachdem es Ende August 2017 dann endlich mit der Auslieferung an die Vorbestellerinnen losging, kamen die ersten Reviews und Testberichte. Und ab dann platzte die Essential Blase erst einmal.

Die Urteile waren nämlich allesamt enttäuschend bis vernichtend. Stotternde Software, unterirdische Kamera und das alles zum Preis eines Flaggschiffs. Dem Essential Phone war in den Anfangstagen wirklich nicht zu helfen. Die Android-Fans von Droid Life fassten das alles in ihrem Video-Review so zusammen:

„I want this to be the phone, but as it stance today I just can’t trust the camera enough and deal with all stuttering, freezing and unresponsiveness.“
– Droid Life

Seitdem sind nun 8 Monate vergangen, Essential hat viele (viele!) Software-Updates ausgerollt und gehörte sogar zu den ersten, die dem Smartphone ofiziell Android 8.1 „Oreo“ spendiert haben. Im Laufe der Zeit widmenten daher auch viele Technik-Expertinnen dem PH-1 einen zweiten Blick und mit der Zeit fielen die Urteile, auch wegen der zwischenzeitlichen Preisreduktion, zunehmend milder aus. Wie steht es also heute um das Essential Phone der ersten Generation? Lohnt sich der Import für Experimentierfreudige angesichts der purzelnden Preise? Oder sollte man lieber direkt auf den unvermeidlichen Nachfolger warten? Na, schauen wir mal.

Der Star der Show: Das Display

Der Star der Show ist ganz eindeutig das Display, das fast rahmenlos die gesamte Front ausfüllt. Kamera und Helligkeitssensor quetscht Essential dabei in einen winzigen Displayausschnitt und war damit einer der ersten Hersteller, der – noch weit vor dem iPhone X – mit einer „Notch“ in den Handel brachte. In der Hand und auf dem Tisch sieht das Essential Phone daher wirklich genau so futuristisch aus, wie ich es erwartet hatte.

Der Star: Das fast alles ausfüllende Display

Auf dem Papier scheinen auch die übrigen Daten des Displays zu stimmen: 5,7 Zoll, 19:10 Format und 2560 x 1312 Pixel (505 PPI) dürften eigentlich keine Wünsche offen lassen. So ganz trifft das dann leider doch nicht zu. Essential hat im PH-1 nämlich, wie auch LG beim LG G6, nur ein LCD-Display verbaut. Es fehlen deshalb all die Stärken, die ich mittlerweile von modernen OLED-Displays gewöhnt bin. Vor allem die Schwarzwerte sind tendenziell milchig und die Reaktionszeit ist – LCD-typisch – deutlich träger als bei OLED-Displays. Insbesondere letzteres führt dazu, dass Animationen und Bewegungen teilweise sichtbar nachziehen, unruhig und unscharf wirken – jedenfalls, wenn man ansonsten nur OLED-Displays gewöhnt ist. Die bleiben mit ihrer schnelleren Reaktionszeit auch beim Scrollen durch Listen, Twitterfeeds und Einstellungen dagegen scharf und angenehm für die Augen. Sobald man also mehr als ein Standbild betrachtet, lässt der Reiz des Essential Phone deshalb leider etwas nach. Auch die Helligkeit könnte besser sein und bei schwarzen Hintergründen (insbesondere bei der Bootanimation) sieht man doch recht deutlich, wie die LEDs des Displays das gesamte Display beleuchten und helle Objekte eine „Backlight-Aura“ haben.

Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht einfach zunehmend verwöhnt durch die kontrastreichen und schnellen OLED-Displays, etwa im Pixel 2 und Pixel 2 XL, aber für mich sind die Zeiten der LCD-Displays einfach gezählt. Apple mag in seinen iPhones noch ganz erträgliche LCDs zu verbauen, schwenkt mittlerweile aber ebenfalls mit Apple Watch und iPhone X auf OLED um. Das alles sind gewiss keine Probleme, die speziell das Essential Phone, sondern mehr oder weniger alle Smartphones mit LCD-Display betreffen. Dass aber gerade Essential seinem ersten Smartphone, das sich doch so sehr über sein Display definiert, hier noch ein LCD verpasst hat, bedauere ich sehr. Essential selbst sagte dazu gegenüber The Verge übrigens, dass man es einfach nicht in der Kürze der Zeit geschafft habe, einen OLED-Zulieferer zu finden. Das überzeugt mich zwar nur halb, aber es hilft ja eh nichts. Ein OLED-Display steht für mich jedenfalls ganz oben auf der Wunschliste für den Nachfolger. Euch, die ihr da draussen gerade diesen Testbericht lest, kann ich nur raten, euch einmal aktuelle LCD-Displays z.B. im Xiaomi Mi A1 oder im LG G6 anzusehen und selbst zu urteilen, ob ihr mit der Darstellung zufrieden seid. Vielleicht seid ihr in Sachen Response-Time ja nicht ganz so kleinlich wie ich es mittlerweile bin. Dann dürftet ihr mit dem Essential Phone Display wohl glücklich werden.

Aller Ehren Wert: Design, Verarbeitung, Ausstattung

Die Verarbeitung im Übrigen überzeugt allerdings auf ganzer Linie. Der minimale Displayrahmen, der zudem (abgesehen vom „Kinn“) überall die gleiche Dicke hat, verleiht dem Gerät ein wahnsinnig futuristisches Aussehen und der kleine Displayausschnitt hat dem PH-1 in Windeseile einen hohen, fast kultigen, Wiedererkennungswert verliehen. Die Tasten am metallenen Rahmen haben klare Druckpunkte und sind für meinen Geschmack auch nicht zu klapprig. Die spartanische Rückseite, die sogar auf eigenes Essential-Branding verzichtet, ist wundervoll schlicht gehalten und der Fingerabdruckscanner ist genau am richtigen Fleck. Er könnte meiner Meinung nach aber gern noch ein Stück tiefer im Gehäuse liegen, damit man ihn besser ertastet. Ein dbrand Skin könnte da aber auch helfen.

Schlicht und elegant: Die Rückseite verzichtet völlig auf Branding

Wie ihr seht, habe ich übrigens zum „Halo Gray“ Modell gegriffen. Das ist eine Amazon (US) exklusive Version, auf der zudem der Amazon Alexa Sprachassistent vorinstalliert ist (die App lässt sich normal deinstallieren). Der Vorteil an der Halo Gray Variante ist der matte Rahmen und die matte Rückseite, was zusammen einen der Kritikpunkte an den anderen verfügbaren Modellen ausmerzt: Die waren (bis auf die weiße Version) nämlich allesamt Fingerabdruckmagnete. Rückblickend hätte ich mir aber wohl auch die weiße Version gern angesehen, weil dort der helle Rahmen um das Display für etwas mehr Kontrast sorgt. Die Halo Gray Version hingegen sieht im Grunde dem iPhone SE sehr ähnlich und trifft meinen Geschmack damit extrem gut.

Das Essential Phone liegt dank der verhältnismäßig kompakten Ausmaße gut in der Hand

Das PH-1 liegt alles in allem sehr gut in der Hand und bringt das 5,7 Zoll Display in ein konkurrenzlos kleines Format. Einzig das noch immer vorhandene „Kinn“, also der etwas breitere Rahmen unter dem Display, nimmt dem Ganzen etwas an Finesse. Natürlich hat diese Unterkante aber auch den Vorteil, dass man bei der Bedienung der On-Screen-Tasten (ähnlich wie beim Pixel 2) nicht so schnell einen unsicheren Schwerpunkt erreicht. Rein technisch hat zudem bis auf Apple bisher kein anderer Hersteller den Displayrahmen auch am unteren Rand so schmal bekommen, weil das dafür nötige „Einroll-Verfahren“ sehr teuer und auch nur bei OLED-Displays möglich ist.

Der Lautsprecher produziert bemerkenswert guten Sound

Extra-Punkte bekommt das PH-1 von mir zudem für den erstaunlich lauten und gut klingenden Lautsprecher an der Unterseite. Der ist zwar – entgegen dem aktuellen Trend – nur ein einzelner Lautsprecher, produziert aber bemerkenswert guten Sound. Ebenfalls sehr gefallen hat mir die Akkulaufzeit. Mit dem 3040mAh großen Akku kam ich problemlos auf über vier, oft über fünf Stunden Display-On-Time. Dass Essential auch direkt 128 GB internen Speicher vorsieht, rechne ich dem Gerät ebenfalls hoch an. Bedenken hinsichtlich technischer Probleme beim Mobilfunk kann ich übrigens zerstreuen: Trotz Import funkt der verbaute Snapdragon 835 auf allen in Deutschland wichtigen Frequenzen und im Raum Norddeutschland hatte ich im Netz von Vodafone und o2 keine Probleme mit dem LTE-Empfang.

Schlicht und funktional: Die Halo Gray Version mit mattem Finish

Abzüge muss man dem PH-1 hingegen für seine miseralbe Reparierbarkeit geben. Wer sich den Teardown bei iFixit anschaut, der kann nur den Kopf schütteln. Mir ist nicht einmal klar, wie Essential die Gerät selbst überhaupt reparieren will. Insbesondere der Kunststoff-Rahmen um das Display überlebt praktisch keinerlei Versuche, das Display abzumontieren. Essential und unsere Umwelt bezahlen das tolle Design hier mit einem verflixt hohen Preis.

Die Kamera braucht Googles Schützenhilfe

Die Kamera des PH-1 hat viel Kritik bekommen und das zu Recht. Selbst nach vielen Monaten Updates lieferte die Essential Kamera Software bei mir noch immer vereinzelte Fehlermeldungen und die Fotos sind wahrlich nicht berauschend. Auch die Software selbst ist bemerkenswert sperrig, was wundert, da der Rest der Software doch so schlicht gehalten wurde.

Die Kamera kann man mit der Google Kamera App deutlich aufwerten.

Glücklicherweise kann man die vorinstallierte Standard Kamera App problemlos durch die portierte Google Kamera App ersetzen, die schon früh von der findigen XDA-Community für Smartphones mit modernen Snapdragon-Prozessoren lauffähig gemacht wurde. Setzt man die App als Default, startet sie sogar mittels der Standard-Shortcut-Geste von Android (Doppel-Klick auf die Standby-Taste). Die damit möglichen Resultate lassen sich dann durchaus sehen (siehe auch den Artikel von Android Police mit Beispielfotos) und machen aus der Essential Phone Kamera eine mehr als brauchbare Geschichte. Den zweiten Monochrom-Sensor verliert man zwar, aber der hat ohnehin wenig Mehrwert, wenn ihr mich fragt.

Pures Google-Android ist kein Garant für Performance

Zuletzt gibt es nur noch ein paar Worte zur Software zu sagen und da kann mein Bericht erfreulich knapp ausfallen. Essential spendiert dem PH-1 nämlich fast pures (Google-) Android, mit zwei Ausnahmen: Es ist die hauseigene Essential-Kamera-App installiert und es gibt in den Einstellungen den Menüpunkt „Essential“ hinter dem sich einzig die Option verbirgt, die Übermittlungs von Telemetriedaten zu deaktiven. Ansonsten läuft auf dem Essential Phone voll und ganz pures Google-Android, wie es z.B. auch auf Android One Smartphones läuft. Essential hat dem PH-1 bisher auch regelmäßig die monatlichen Sicherheitsupdates und (nach einer etwas verkorksten Beta-Phase mit Android 8.0 „Oreo“) im März direkt Android 8.1 spendiert. Positiv ist auch, dass Essential sehr früh die Kernel und Source Codes für das PH-1 veröffentlichte, weshalb unter anderem bereits (inoffiziell) Lineage OS zur Verfügung steht. Für mich als großen Fan von Lineage OS heißt das nur Gutes für die Langlebigkeit des PH-1.

Trotz all des Lobes ist auch softwareseitig aber nicht alles Gold, was glänzt. Trotz all der Rechenpower des Snapdragon 835 und der 4 GB RAM läuft das PH-1 eher durchschnittlich flüssig. Vielleicht liegt es ein wenig auch an der etwas trägen Reaktionszeit des LCD-Displays, aber im Vergleich zum butterweichen Bediengefühl der aktuellen Pixel 2 Modelle, zieht das Essential Phone eindeutig den Kürzeren. Und das trotz der auf dem Papier identischen Ausgangsposition in Sachen Software und Hardware. Zwei kleine Nörgel-Details hätte ich dann auch noch. Da wäre zum einen der fehlende Pixel-Launcher. Den hat Google bisher aber noch für kein Gerät außerhalb der Pixel Reihe freigegeben, sondern verwendet selbst auf seinen Nexus- und Android One Geräten nur den generischen „Launcher 3“, der auch auf dem Essential Phone läuft. Das ist natürlich kein Hindernis. Entweder sideloaded man sich den offiziellen Pixel Launcher oder nutzt den gelungenen Rootless Pixel Launcher (letzteres habe ich getan). Zum anderen kann das PH-1 bisher noch kein Double-Tab-To-Wake. Das soll aber per Software-Update nachgeliefert werden. Wann? Das ist noch unklar.

Ein ambivalentes Fazit

Was bleibt für mich nun als Fazit? Nun, ich bin gespalten. Optisch und in vielerlei Hinsicht auch technisch ist das Essential Phone genau das, was ich erwartet habe: Ein extrem schickes und futuristisches Stück Hardware, das Maßstäbe setzt. Ich möchte es regelrecht in die Hand nehmen und die fast vollständig mit Display ausgefüllt Front anschauen. Leider ist genau dieses Display in der alltäglichen Benutzung dann aber doch nicht ganz so überzeugend, wie ich es mir erhofft hatte und macht ein bisschen von dem Reiz des PH-1 wieder kaputt. Die Kamera hingegen kann mit Google Kamera Mod problemlos – jedenfalls in der 400 € Preiskategorie – mithalten und Akku sowie die Software sind klasse bis gut. Ich wünsche mir aber defintiv weiteres Feintuning bei der Bedien-Performance. Alles in allem kann ich allen Interessierten daher durchaus empfehlen, sich angesichts der stetig sinkenden Preise aktuell doch nochmal an das Essential Phone zu wagen. Der Nachfolger dürfte im Sommer zwar irgendwann bereitstehen, aber wie es dann mit Verfügbarkeit in Deutschland und der Preisgestaltung aussieht, kann man derzeit nur ahnen.

Interessierte sollten jetzt zugreifen, denn günstiger wird’s kaum

Für den unvermeidlichen Nachfolger hoffe ich dann aber ganz stark auf eine OLED-Display und eine von Haus aus bessere Kamera. Viel mehr wüsste ich dann allerdings auch nicht, was ich noch verbessern würde. Vielleicht könnte man den Rahmen an der Unterseite noch verkleinern oder Stereo-Lautsprecher unterbringen, aber das sind Kleinigkeiten. In diesem Sinne lautet mein Fazit insgesamt also: Da geht noch was, Andy.

6 Kommentare
  1. DMM
  2. DMM

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