Blackberry PRIV: QWERTZ-Slider und Sicherheitsversprechen im Test

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Ich habe nie ein klassisches Blackberry Gerät der alten Schule besessen. Ich wechselte 2010 direkt von einem 0815-Nokia-Candybar in die Smartphone-Welt (mein erstes Smartphone war das Galaxy S i9000). Smartphones begannen für mich also von Anfang an mit Touchscreen, Appstore und „neumodischem“ Betriebssystem. Meine Motivation, mir jetzt das aktuelle Blackberry Flaggschiff anzusehen, hat also schon mal keine nostalgischen Gründe. Die Motiviation kam stattdessen daher, dass das PRIV aktuell mit seinem Tastatur-Slider einen der wenigen wirklich eigenen Bedienansätze in der Android-Welt verfolgt. Vor allem aber interessiert mich das Thema Datenschutz und IT-Sicherheit, gerade unter Android, und hier verspricht Blackberry schließlich sehr viel. Willkommen also zu meinem Testbericht zum Blackberry PRIV, in dem ich mir sowohl das Gerät selbst, die Software-Besonderheiten und -extras sowie natürlich den beworbenen Fokus auf Datenschutz und -sicherheit ansehen werde.

Das Blackberry PRIV als Android-Gerät

Kommen wir zu allererst zum Blackberry PRIV selbst, wenngleich ich das recht kurz abhandeln will: Kurz gesagt kann das PRIV – rein optisch und haptisch – leider nicht überall mit der aktuellen Android-High-End-Konkurrenz mithalten. Die rühmliche Ausnahme ist das Display. Das ist mit 5,4 Zoll und Quad-HD Auflösung (2560 x 1440 Pixel) nicht nur extrem scharf, sondern dank Amoled-Technik auch satt, bunt und blickwinkelstabil. Ein besseres Display habe ich ehrlich gesagt auch bei meinem aktuellen Display-König, dem Galaxy S7, nicht gesehen. Die Parallelen zu Samsung hören da aber nicht auf, denn das PRIV hat – wie viele Samsung Geräte seit dem Galaxy S6 Edge – ein an beiden Seiten gebogenes Display. Ja, nicht nur das Glas, sondern das Display selbst ist gebogen. Belege dafür, dass Blackberry die Displays schlicht von Samsung gekauft hat, habe ich zwar keine finden können, wundern würde es mich aber nicht.

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Das Display ist erstklassig

Die übrige Hardware kann das hohe Niveau des phänomenalen Displays allerdings nicht halten. Das PRIV fühlt sich eher klapprig an, was vor allem an der knarzenden und flexiblen Rückseite in Karbon-Optik liegt. Die gibt bei Berührung spürbar nach, knarzt bei jedem Umgreifen und erinnert insgesamt leider in schlechtester Art an alte Android-Plastik-Zeiten. Die Tasten sind teilweise etwas klein und wacklig, aber immerhin präzise im Druckpunkt. Beim Design kann man ansonsten aber wenig meckern. Ich bin persönlich kein Fan von gebogenen Displays, aber dank der griffig gummierten Rückseite liegt das PRIV immerhin sicher in der Hand und der Lautsprecher im „Kinn“ strahlt zur Front, was ich stets bevorzuge.

Die gummierte Rückseite hat viel Spiel

Die gummierte Rückseite gibt bei Druck leider spürbar nach

Die Tasten sind knackig, aber recht klein

Die Tasten sind präzise im Druckpunkt, aber teilweise recht klein

Der Frontlautsprecher im "Kinn" unter dem Display

Der Lautsprecher ist im „Kinn“ unter dem Display verbaut und strahlt nach vorne

Ärgerlicherweise – so emfinde ich es mittlerweile – setzt das PRIV noch auf micro-USB (statt auf USB-C) und das mitgelieferte Netzteil unterstützt kein Quick Charging. Der 3410 mAh große Akku braucht also deutlich über 2 Stunden, bis er voll ist. Das kennt man von ähnlich alten Geräten wie dem Huawei Nexus 6P schon anders. Absurderweise ist das PRIV grundsätzlich aber kompatibel mit Quick Charge 2.0 und lädt mit Ladegeräten anderer Hersteller tatsächlich deutlich schneller. Dafür hat mich die Laufzeit selbst aber nicht enttäuscht. Selbst anspruchsvolle lange Tage mit reichlich Smartphone-Aktivität steckte das PRIV beachtlich souverän weg, kletterte problemlos über die 3 Stunden Display-On-Time-Marke und hatte zum Feierabend bei mir nicht selten trotzdem 40 % Kapazität übrig.

Verbaut ist im PRIV ein Snapdragon 808, also der gleiche Prozessor, der im LG Nexus 5X bei mir eher gemischte Gefühle auslöste, im Motorola Moto X Style aber einen sehr guten Eindruck machte. Begleitet wird das Ganze von 3 GB Arbeitsspeicher, einer 18 MP-Rück- und 2 MP (ja, richtig, 2 MP) Frontkamera. Die Rückkamera ist leider genau so spektakulär wie Blackberrys Ruf in dem Bereich legendär ist: Nämlich gar nicht. Bei Tageslicht macht sie gute Fotos, keine Frage. Käufer, die die Kamera gern auf Reisen und zuhause für Schnappschüsse von Natur, Freunden oder der Familie nutzen wollen, werden in den seltensten Fällen wirklich etwas zu meckern haben.

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Das PRIV macht durchschnittliche Fotos. Im Beispielfoto schaffte ich es beispielsweise nicht auf die Blüten in der Front zu fokussieren

Aber unbestreitbar sind die Kameras in der aktuellen Android-Konkurrenz dem PRIV in jeder Hinsicht überlegen. Die Kamera des PRIV kämpft etwa mit einem schwer definierbaren Fokuspunkt und neigt zu viel Bildrauschen, wenn das Licht nachlässt. Die Kamera-App selbst startet per Doppel-Klick auf den Powerbutton (auch aus dem Standby) aber ausreichend schnell und ist durchaus aufgeräumt und intuitiv. Die Kamera des PRIV ist also insgesamt kein Highlight, aber auch keineswegs eine Katastrophe.

Man merkt dem PRIV technisch eben durchaus an, dass es schon im November 2015 (in Deutschland) in den Handel kam. Das Problem dabei: Der Preis ist diesem Umstand nicht entsprechend gefolgt. Noch immer liegt er bei ca. 600 €. Erschwerend kommt hinzu, dass große Provider wie die Deutsche Telekom es für Vertragskunden überhaupt nicht anbieten. Und das muss ich leider ganz klar sagen: Betrachtet man das PRIV rein als Android-Smartphone (fernab der gleich im Detail zu betrachtenden Spezialfähigkeiten), ist es nicht wirklich konkurrenzfähig. Am deutlichsten wird das bei dem fehlenden Fingerabdrucksensor. Ob Blackberry sich möglicherweise aus Sicherheitsbedenken (die ich grundsätzlich teilen kann) gegen einen solchen Sensor entschieden hat, weiß ich nicht. Der fehlende Komfort des Entsperrens via Fingerabdruck könnte für viele verwöhnte Nutzer aber durchaus ein Ausschlusskriterium sein. Ich jedenfalls habe mir über den Verlauf meiner Testzeit mit einer angemessen langen PIN in Verbindung mit der Smart-Lock-Funktion über meine gekoppelte Pebble Time Steel beholfen. Das ändert aber nichts daran, dass man bei der Konkurrenz längst bessere Technik und modernere Features bekommt.

Der QWERTZ-Slider

Aber das PRIV ist eben nicht bloß eines von vielen Android-Geräten, das im – oft unnötigen – Wettstreit auf dem Datenblatt um Käufer buhlt. Das PRIV richtet sich stattdessen an jene Kunden, die zwar Ansprüche an App-Vielfalt und Displaygröße entwickelt haben, aber trotzdem auf die gewohnte Texteingabe über eine vollwertige Tastatur nicht verzichten wollen. Diesen Spagat schafft das PRIV mit einem wirklich gelungenen Slider, der die QWERTZ-Tastatur hinter dem Display verbirgt und bei Belieben ausfahren kann. Der Gleitmechanismus macht dabei einen sehr hochwertigen und vor allem balancierten Eindruck: Der nötige Kraft, um das Display nach oben zu schieben, ist so groß, dass man das PRIV in der normalen Nutzung nicht aus Versehen öffnet, aber doch so niedrig, dass keine Gefahr besteht, dass man sich das Gerät aus der Hand drückt. Um so erstaunlicher ist dabei, dass Blackberry es geschafft hat, all dies in ein Gerät mit nur 9,4 mm Dicke zu quetschen. Das PRIV stellt damit zwar keine Schlankheits-Rekorde auf, aber wenn man bedenkt, dass Blackberry hier ein grandioses Display, einen Slider-Mechanismus, eine vollwertige (und beleuchtete) Tastatur sowie einen Korpus mit einem über 3400 mAh großen Akku auf nur knapp 9 mm schichtet, dann fragt man sich schon, womit zum Beispiel Sony bei seinem (nur 0,5 mm dünneren) pummeligen Xperia Z5 Compact den Platz verschwendet.

Der Slider ist leicht ausgefahren

Der Slider ist leicht auszufahren

Mit ausgefahrenem Slider ist das PRIV sehr hoch

Mit ausgefahrenem Slider ist das PRIV recht hoch

Was die Bedienung und das Schreibgefühl der Tastatur selbst angehen, muss ich natürlich sagen, dass ich wohl nicht das idealste Versuchskaninchen bin. Ich musste mich ganz bewusste für das Schreiben auf der Tastatur entscheiden, habe mich im Laufe der Testzeit aber nie wirklich an das Schreibgefühl gewöhnen können. Ich bin Touch-Nutzer der ersten Stunde und daher an Wischtastaturen und widerstandsloses Tippen auf Glas gewöhnt. Trotzdem habe ich versucht, mir so gut es geht, eine Meinung zu bilden und die Tastatur zum Beispiel mit dem des Blackberry Bold 9900 verglichen. Mein Urteil: Tastenhub und Anschlag sind in Ordnung, aber die Tasten sind schon verflixt schmal. Im Vergleich etwa zum Bold 9900 sind die Tasten auch noch ein Stück in der Höhe geschrumpf. Ich habe definitiv keine kleinen Finger und empfand das Schreiben daher nicht wirklich als komfortabel.

Es lässt sich aber auch einhändig noch bedienen

Es lässt sich aber auch einhändig noch bedienen.

Mit ausgeklappter Tastatur erhält das PRIV eine bachtliche Länge von über 18 cm. Trotzdem empfand ich die Balance auch im ausgeklappten Zustand nie als kritisch. Auch einhändig konnte ich auf der Tastatur noch schreiben, ohne dass ich das Gefühl hatte, mir würde das Gerät gleich nach vorne kippen. Die Tastatur fungiert im Übrigen auch als Trackpad. Man kann also auf den Tasten wischen und scrollt so durch Webseiten, Texte und Apps. Das gefällt mir. Zusätzlich gibt es dann natürlich auch noch reihenweise Zusatzfunktionen, wie Shortcuts für Apps auf einzelnen Tasten, Cursorsteuerung für Texteinfügungen, und das Auslösen der Kamera über die Leertaste. Wer auf eine echte Hardwaretastatur wert legt, der bekommt – abgesehen davon, dass es kaum Alternativen gibt – beim PRIV also durchaus eine Blackberry-Tastatur auf bekanntem Niveau.

Software, Performance und Blackberry-Extras

Auf dem PRIV läuft derzeit (Stand September 2016) Android 6.0.1 „Marshmallow“ und damit nicht die aktuellste Android Version, Android 7.0 „Nougat“. Das Update auf Android 6 hat das PRIV zudem auch eher spät bekommen, nämlich erst im April, also ein gutes halbes Jahr nachdem die neue Version von Google offiziell vorgestellt wurde. Damit befindet sich Blackberry zwar in „guter Gesellschaft“, denn kaum ein Android-Hersteller schafft das bedeutend schneller, aber wenn man bedenkt, dass Blackberry bis vor Kurzem nur ein einziges Android-Smartphone zu pflegen hatte und doch gerade mit vorbildlichem Softwaresupport wirbt, wäre es natürlich schön gewesen, wenn hier mit leuchtendem Beispiel und sehr schnellen Updates vorangegangen worden wäre.

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Das PRIV läuft derzeit noch mit Android 6

Fernab dieser kleinen Kritik läuft die Software in seiner aktuellen Form aber ganz ausgezeichnet. Das PRIV bedient sich flink, reaktionsschnell und stabil. Wieder einmal muss ich anerkennen, dass der verbaute Prozessor und Arbeitsspeicher eben bei Android nur die eine Hälfte der Medaille sind. Das PRIV bedient sich trotz „nur“ Snapdragon 808 und 3 GB RAM kein bisschen weniger flott als etwa mein Nexus 6P: Kompliment also an das Softwareteam bei Blackberry.

Eine Ursache für diesen guten Eindruck könnte auch sein, dass Blackberry sich dafür entschieden hat, den Android-Look fast unverändert von Google zu übernehmen. Weitgehend unterscheidet sich die Nutzeroberfläche nicht von dem Referenz-Look, den Google auf seinen hauseigenen Nexus-Geräten bietet. Nur in Details wie den Ordnern, der Größe der Appsymbole oder ein paar neuen Rubriken in den Einstellungen verraten, dass Blackberry hier Hand angelegt hat. Auch der Appdrawer sowie der Homescreen bietet ein paar Extras. Dazu gehört etwa die Möglichkeit, im Appdrawer Apps direkt auf Widgets und sogenannte Verknüpfungen zuzugreifen. Letztere ermöglichen es, bestimmte Kommunikatioinsfunktionen direkt über einen Shortcut vom Homescreen zu erreichen. Ähnlich wie der beliebte Action Launcher ermöglicht der Blackberry-Homescreen auch einen direkten Zugriff auf Widgets, indem man ein Appsymbol nicht antippt, sondern aufwärts wischt.

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Über eine seitliche Wischgeste erreicht man Schnellzugriff auf Kalender, Kontakte und den Blackberry-Hub

Der Homescreen macht zudem Gebrauch von dem gebogenen Display und zeigt rechts (oder links) eine kleine Leiste an, über die man durch eine Wischgeste schnell auf Kontakte, Kalender & Co zugreifen kann. Wie schon beim Galaxy S6 Edge – mit dem Samsung gebogene Displays in den Mainstream brachte – empfinde ich diese „Rechtfertigung“ für das gebogene Display aber weiterhin eher als Gimmick statt als echten Mehrwert.

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Blackberry Hub

Zuletzt wäre da dann noch der „Blackberry Hub“, der selbst mir als (bisherigem) Blackberry-Agnostiker schon vorher ein Begriff war. Der Blackberry Hub ist eine Art Sammelstelle, in der neben Twitter und Whatsapp auch E-Mail und SMS gebündelt werden können. Die Anzahl der Drittanbieterapps, die Blackberry im Hub unterstützt, wird dabei durch Updates immer weiter ausgebaut, so dass nicht nur die Blackberry eigenen Dienste (Kalender, BBM, Kontakte etc) dort gesammelt werden können. Allerdings: Seit einer Weile hat Blackberry den Hub samt vieler anderer der hier genannten Softwareextras bereits als Stand-Alone-Apps im Google Play Store veröffentlicht, so dass sie streng genommen keine Besonderheiten des PRIV mehr sind.

Das Sicherheits-Versprechen

Schließlich wäre da das – für mich jedenfalls – spannendeste Puzzlestück im PRIV-Gesamtpaket: Das Sicherheits-Versprechen. Blackberry selbst bewirbt das PRIV vollmundig mit den Worten:

„Added security lets you know when you could be at risk, so you can easily take action to protect your privacy […]“

– Blackberrys Marketing zum PRIV

Zunächst fällt hier auf, dass Blackberry im gesamten Marketing-Material die Begriffe „Datenschutz“ und „Sicherheit“ weitgehend synonym benutzt, was mich erst einmal stutzig macht. Denn beide Begriffe bedeuten nicht das gleiche. Die IT-Sicherheit beschäftigt sich klassischerweise mit der Vertraulichkeit von Daten, dem Schutz vor Verlust und mit Datenintegrität. Hier kommt dann zum Beispiel die von Werk aus aktivierte Vollverschlüsselung des PRIV zum Zug. Zusätzlich hat Blackberry dem PRIV einen gesicherten Bootprozess spendiert, der das Ausführen von Schadcode beim Booten verhindert (und gleichzeitig das Rooten des PRIV erschwert) und liefert die Android-Sicherheitspatches extrem schnell aus. Den September-2016-Sicherheitspatch etwa erhielt mein Testgerät direkt am Tag der Veröffentlichung von Google, während mein Nexus 6P selbst jetzt nach Veröffentlichung dieses Artikels fast zwei Wochen später noch darauf wartet (ehrlich, Google, was ist da los?!). Damit kann das PRIV tatsächlich für sich in Anspruch nehmen, mit dem PRIV ein Gerät anzubieten, dass sich wie wenige andere gegen Sicherheitslücken und Datenverlust wehrt. In Sachen IT-Sicherheits hält Blackberry das obige Versprechen also ein.

Eine werksseitige Vollverschlüsselung ist allerdings nicht wirklich einzigartig. Vor allem ist eine gute IT-Sicherheit der Hard- und Software aber auch nicht zwangsläufig mit einem gesteigerten Datenschutz der Nutzer verbunden. Die Datenschutz-Perspektive ist nämlich eine andere. Er rückt den Nutzer in den Fokus und will verhindern, dass seine Daten ohne Grund erhoben und zu anderen Zwecken genutzt werden.  Aus Datenschutzperspektive bietet mir das PRIV nun leider nicht die erhofften Lösungen für die typischen Android-Probleme. Whatsapp, Facebook & Co. erhalten auch von PRIV-Nutzern genauso viele Daten wie von Nutzern anderer Android-Geräte. Zwar bietet das PRIV (wie alle Smartphones mit Android 6 „Marshmallow“) die Möglichkeit, bestimmte Zugriffsrechte für Apps nachträglich zu entziehen, aber davon sind eben lange nicht alle Zugriffswege erfasst. Die unter Android mögliche Wiedererkennung über eindeutige IDs wie die MAC-Adresse etwa ist nun einmal eine „Problem“ der Android-Architektur. Und an der – so jedenfalls alle Informationen, die ich auftreiben konnte – hat Blackberry nichts geändert. Als Gegenbeispiel: Apple verbietet es Entwicklern beispielsweise die UDID auszulesen und zweckentfremdend als Identifikator für Werbung zu nutzen. Unter Android (auch dem Android des Blackberry PRIV) ist das hingegen weiterhin möglich. Es wäre sehr erfreunlich gewesen, wenn Blackberry hier tatsächlich mehr als nur das normale Rechtemanagement bieten würde, dass Google in Android 6 „Marshmallow“ zur Verfügung stellt.

Letztlich ist das PRIV dann nämlich für den Nutzer doch auch „nur“ ein normales Android-Gerät, mit all seinen Nachteilen für den Datenschutz: Tracking, Profiling und der Abfluss von Nutzungsdaten bleiben auch beim PRIV ungehemmt. Die Google Play Services etwa tracken auch bei deaktiviertem Standortdienst weiter den Standort der (PRIV-) Nutzer. Hier hätte ich mir gewünscht, Blackberry hätte sich nicht nur auf die IT-Sicherheit konzentriert, sondern auch den Schutz der Daten der Nutzer vor Zugriff durch Google und Apps in den Fokus genommen. Vermutlich war das, ohne die Android-Lizenzvereinbarungen mit Goolge zu verletzten, aber auch gar nicht möglich.

Etwas hat sich Blackberry dann aber doch einfallen lassen. Die vorinstallierte (aber ebenfalls auch separat im Google Play Store verfügbare) App „DTEK“ versucht in der Tat, ein bisschen mehr als nur IT-Sicherheits zu bieten. Die App gibt einerseits eine übersichtliche Zusammenstellung, welche Sicherheits-relevanten Einstellungen derzeit konfiguriert sind und warnt, wenn kein PIN eingestellt ist, oder der Entwickler-Modus aktiviert ist. Die App kann zusätzlich aber auch so konfiguriert werden, dass sie in der Benachrichtigungsleiste anzeigt, wenn eine App zum Beispiel auf Kontakte oder Mikrofon zugreift. Das ist hilfreich, wenn man einmal nachvollziehen möchte, wie oft Apps von den eingeforderten Rechten überhaupt Gebrauch machen. Rechte, die tatsächlich gar nicht genutzt werden, können dann einfach direkt völlig entzogen werden. Tatsächlich finde ich die DTEK-App insofern durchaus gelungen. Auch DTEK kann aber natürlich nur auf das integrierte Rechtemanagement aufsatteln, das Google in Android 6 mitliefert und ist damit ebenso blind gegenüber den vielen unbemerkten Zugriffen, die bei Android an der Tagesordnung liegen.

So bleibt aus meiner Sicht leider die Feststellung, dass das PRIV aus Datenschutz-Sicht keine wesentlich anderen Antworten auf die Hintergrundprozesse von Android und Apps findet, außer die ohnehin seit Android 6 „Marshmallow“ bekannten Boardmittel prominenter in Szene zu setzen. Stattdessen bleibt bei dem PRIV vor allem der Aspekt der IT-Sicherheit als starker Faktor übrig. Aber auch hier bleibt ein Hauch von Stirnrunzeln, denn Blackberry stand hier bereits in der Kritik, eher zu den freigiebigsten Datenlieferanten gegenüber staatlichen Behörden zu zählen. Wo Apple tatsächlich die Daten auf einem iPhone oder die Inhalte von iMessage-Chats nicht einmal weitergeben könnte, wenn es das wollte, scheint Blackberry einen weniger zurückhaltenden Ansatz zu wählen. Berichten zufolge sollen kanadische Strafverfolungsverhörden von 2010 bis 2012 in Besitz des weltweiten Hauptschlüssels gewesen sein und hätten damit Zugriff zum Beispiel auf den Inhalt der BBM-Nachrichten. Der CEO von Blackberry sagte diesbezüglich im offiziellen Blackberry-Blog:

„At BlackBerry, we understand, arguably more than any other large tech company, the importance of our privacy commitment to product success and brand value: privacy and security form the crux of everything we do. However, our privacy commitment does not extend to criminals.

– John Chen, BlackBerry CEO

Wer nun aber nach der Ansicht von Blackberry oder staatlicher Geheimdienste als Krimineller anzusehen ist und welcher Grad an Verdacht ausreicht, um nicht mehr von dem „privacy commitment“ von Blackberry umfasst zu sein, bleibt folglich offen. Wie hoch die Vertraulichkeit der eigenen Daten im PRIV auch gegenüber Blackberry letztlich ist, muss ich deshalb letztlich mit einem Fragezeichen stehen lassen.

Fazit: Alleinstellungsmerkmale für ein Nischenpublikum

Mein Fazit zum PRIV ist insgesamt daher recht gemischt. Als reines Android-Gerät kann es bis auf Display und Akkulaufzeit nicht mit der Konkurrenz mithalten. Für aktuell um die 600 € fehlt dem bald ein Jahr alten PRIV zu vieles, was derzeit für diesen Preis erwartet werden darf: Fingerabdrucksensor, USB-C, hochwertige Verarbeitung, Quick Charging, aktuellste Technik.

Aber diese Diskussion darüber, ob allein das Datenblatt eines Smartphones und seine Features über seinen Wert entscheiden, habe ich bereits andernorts kritisiert. Entscheidend ist letztlich doch der tatsächliche Alltagseindruck davon, ob ein Gerät sich in der täglichen Bedienung bewährt. Und das tut das PRIV ohne Zweifel. Zu keinem Zeitpunkt habe ich dem Gerät angemerkt, dass es nicht den aktuellsten Prozessor oder den größten Arbeitsspeicher verbaut hat. Im Gegenteil: Allein aus dem direkten Bedienerlebnis könnte ich das PRIV nicht von Geräten mit der neuesten Technik unterscheiden. Ich persönlich vermisse zwar USB-C, Quick Charging und auch den Fingerabdrucksensor, aber das wird nicht jedem Käufer so gehen.

Zudem muss in diese Kalkulation eben auch mehr als nur die Hardware einbezogen werden. Der bisher einzigartige Tastatur-Slider dürfte in der Entwicklung und Produktion ein zusätzlicher Kostenfaktor sein, genauso wie der anhaltende extrem schnelle Softwaresupport bei den monatlichen Sicherheitsupdates. Ob ein Smartphone „seinen Preis wert ist“ richtet sich wie immer nach den Bedürfnissen der Käufer. Und wer auf ein vollwertiges QWERTZ-Keyboard ohne Kompromisse bei der Displaygröße wert legt, der bekommt das eben nur beim PRIV.

Ernüchtend empfinde ich letztlich nur, dass Blackberry es nicht geschafft hat, mit dem Wechsel auf Android auch tiefgreifendere Antworten auf die dortigen Datenschutzprobleme zu finden. Die Sicherung des Geräts durch Verschlüsselung und Abschottung des Bootloaders sind gute Schritte und machen das PRIV zusammen mit den zuverlässigen monatlichen Sicherheitsupdates derzeit tatsächlich zum vielleicht vorbildlichsten Smartphone hinsichtlich IT-Sicherheit. Allerdings: Der bemerkenswert deutliche Kurs hinsichtlich der Datenweitergabe an staatliche Stellen stellt auch wieder das ein Stück weit in Frage.

Um zusätzlich auch die Erhebung und Nutzung der Nutzerdaten durch Google, installierte Apps und Dritte zu verhindern, hätte ich ebenfalls eine noch radikalere Lösung erwartet: die Entwicklung eines eigenen Android-basierten Betriebssystems ohne Google-Integration. Dass Blackberry sich dagegen entschieden hat, kann ich durchaus nachvollziehen, aber so bleibt eben die Erkenntis: Auf dem PRIV läuft wie auf jedem Samsung, HTC oder Sony Gerät ganz normales Android, mit all seinen Vorteilen und Komfort für Nutzer aber eben auch mit allen Nachteilen für den Datenschutz.

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