Apple iPhone 6 und Apple Watch: Willkommen im bitteren Durchschnitt

AppleiP6Header„Access Denied“. Der obige Screenshot ist symptomatisch für das Gefühl, mit dem ich aus der heutigen Keynote gegangen bin: Enttäuschung! Enttäuschung über lächerliche technische Daten, über miserable Präsentation und über mangelnde Innovation. Egal, wohin man schaut, es herrscht das neue Mittelmaß bei Apple. Zum Höhepunkt gab es passend einen alten reichen Mann, der auf einer Firmenfeier über Rebellion singt. Was für ein erbärmliches Bild.

Ich muss mich entschuldigen, liebe Leserinnen und Leser. Normalerweise übe ich mich in objekiver Zurückhaltung und fairer Ausgeglichenheit. Ich habe auch überhaupt keinen Grund, besonders einseitig auf Apple einzuschlagen. Ganz im Gegenteil. Ich nutze Apple Produkte mit großer Zufriedenheit, sei es beim Macbook, beim Apple TV 3, beim iPad Mini oder beim iPhone 4S. Apple hatte bisher trotz aller Schwächen immer genug Stärken, dass ich dessen Geräte aus guten Gründen der Konkurrenz vorgezogen habe. Aber bei allem Respekt: Die heutige Produktpräsentation war ein Schlag ins Gesicht aller, die sich mehr als Mittelmaß erhofft haben. Im Einzelnen:

Schau dich um, Apple! Die Technik entwickelt sich weiter!

Das iPhone 6 ist größer geworden. Punkt. Mehr nicht. Das war es. Ende.

Kein höherauflösendes Display, kein deutlich besserer Akku und keinerlei Nutzung des größeren Display. Nichts! Ich habe bereits im Januar diesen Jahres über das iPhone 6 Display Dilemma  geschrieben: Jene Sackgasse, in die sich Apple durch seine Festlegung auf „Retina Displays“ selbst manouvriert hat. Die Auflösung wie bei Android beliebig anzuheben, geht nicht so einfach, da die Appentwickler stets für bestimmte Auflösungen und Vielfache dieser Auflösungen programmieren. Was also tun, wenn man die Displaygröße anpassen will? Wie sich herausstellt, hat Apple jede Form von technischem Anspruch in den Wind geblasen und sich entschieden, den enttäuschendsten aller Wege zu gehen: Wo das HTC One (M7) bei gleicher Displaygröße Full HD Auflösung bietet und selbst das Mittelklasse Lumia 730 ebenbürtige 720p liefert, krümelt das iPhone 6 als High-End Gerät in der 4,7 Zoll Version weiterhin mit popeligen 326 PPI herum. Da kann Phil Schiller noch so viel von „Retina HD“ und toller Farbwiedergabe fantasieren: Die Auflösung und Pixeldichte ist eines 2014er Flagschiffes unwürdig. Punkt!

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Enttäuschend: Bis auf mehr Displayplatz nix Neues!

Das iPhone 5 und 5S waren bereits bittere Pillen in dieser Hinsicht, aber wir Apple Freunde haben uns zu Recht damit getröstet, dass es in der 4 Zoll Kategorie immerhin nichts schärferes gibt! Aber jetzt? Jetzt rangiert das iPhone 6 irgendwo zwischen Motorola Moto G und Sony Xperia Z3 Compact und zwar zum doppelten oder dreifachen Preis. Überhaupt: Was ist aus dem Marketing-Geschwurbel geworden, mit dem Apple beim iPhone 5 noch angepriesen hat, dass das 5er ideal in die Hand passt? Aber egal, ganz nach Adenauer: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“. Alles, was Apple erreicht, ist eine künstliche Abwertung des 4,7 Modells und eine Fragmentierung der Auflösungen, die Entwickler beachten müssen. Nichts wäre leichter gewesen als auch im 4,7 Modell die Full HD Auflösung zu verbauen, aber das war wohl zu viel für Apple und sein krankhaftes Streben nach immer dünneren iPhones.

Überhaupt: Das „dünnste iPhone ever“? Wer hat denn danach gefragt? Niemand! Eine abstehende Kameralinse und eine sinnlos beschränkte Akkukapazität waren scheinbar bessere Argumente als gesunder Menschenverstand. Zerkratzte Kameraringe und herumwackelnde Tischnutzung scheinen zweitrangig. Von den klobigen Antennenausschnitten und den unnötigen Rundungen an den Ecken will ich dabei gar nicht anfangen.

Neu: Die Apple LG G Watch Steel

Aber was jammere ich. All die Enttäuschung über das neue iPhone 6 wird doch im Nu weggeblasen durch die unfassbar umwerfende Apple Watch, richtig?

Das würde es vielleicht, wenn die Apple Watch vor einem Jahr vorgestellt worden wäre. Damals hätte man ein quadratisches Display, das man sich ums Handgelenk bindet, vielleicht noch gefeiert, aber seitdem haben die Pebble Steel und vor allem Android Wear gezeigt, was in dieser Hinsicht möglich ist. Da bleibt mir nur zu sagen: „Gratulation Apple, willkommen im Team, da hinten ist noch eine Ecke frei, geh Spielen“. Kurz gesagt: Weder die Hardware noch die Software bieten irgendwas, was nicht auch bei Android Wear möglich wäre: Sprachbedienung? Check! Fitnesstracking? Check! Jeden Tag Akku Laden? Check! Metallgehäuse? Check! Die Liste geht weiter und an keinem Punkt denke ich: „Endlich, Apple hat es raus. So macht man das also“. Spätestens zum Verkaufsstart im Frühjahr 2015 wird sich Apple ganz stark umsehen müssen, erst Recht zu einem Preis von 350 USD.

Der einzige Grund, warum Menschen die Apple Watch kaufen werden, ist der Name Apple. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die gezeigte Bedienoberfläche besonders intuitiv zu lernen ist. Die Kunst, sich aufs Wesentliche zu beschränken, beherrscht Apple ansonsten doch so gut, aber bei der Apple Watch hieß die Devise scheinbar eher „Haut raus, was ihr euch vorstellen könnt, fixen können wir das in der nächsten Generation“. Seit eineinhalb Jahren konnte Apple die Entwicklung der Smartwatches beobachten und hat nicht mehr zu Stande gebracht als ein teures optisches Pendant zur Sony Smartwatch mit einem frickeligen Drehrädchen. So viele Hände habe ich gar nicht, wie ich mir über meinem Kopf zusammenschlagen möchte.

Fitness und Bezahldienste: Für Amerika

Gut gut, bei der Hardware also nicht so viel Berauschendes, aber dafür kommt doch mit Apple Pay die ganz große Revolution, oder? Vielleicht, ja! Irgendwann! Jedenfalls nicht in naher Zukunft und schon gar nicht in Deutschland.

Beide Dienste bieten zudem immense Sicherheitsrisiken. Und egal wie sehr Apple auf der Keynote etwas von „Secure“ und „Private“ erzählt: Seit dem Angriff auf die Sicherheit von iCloud vergangene Woche, wird es Apple in Europa schwer haben, die datenschutzrechtlichen Bedenken der Kreditinstitute aus dem Weg zu räumen. Wirklich staunen musste ich dann aber, als angepriesen wurde, wie man seinen Herzschlag mit Freunden teilen konnte. Dass der Datenweg dabei zwangsweise über Apple Server läuft, kann nur für Irritation sorgen, wenn sogar die Europäische Kommission in der Safe Harbor Entscheidung die USA als Drittland ohne angemessenenes Datenschutzniveau bezeichnet hat.

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Fitness und Bezahldienste: Bisher nur in den USA

Das Ganze dann noch mit meinem Fingerabdruck zu schützen, einem Passwort, dass niemals geändert werden kann, wenn es einmal geknackt wird, stimmt mich nicht unbedingt ruhiger. Ich glaube Apple, wenn es behauptet, dass es keinerlei Interesse an den biometrischen, gesundheitlichen oder wirtschaftlichen Daten seiner Kunden hat und dass es alles dafür tut, diese Daten zu schützen. Aber ich bin nicht so naiv zu glauben, dass diese neuen Datenmengen nicht das Interesse einer Vielzahl von anderen Akteueren wecken werden.

„Du hast es nicht einmal versucht“

Niemand muss sich dafür schämen, zu scheitern. Die Geschichte der Technik ist voller grandioser Fehlschläge und Apple selbst hat genug Produkte vorzuweisen, die als Flop in die Firmengeschichte eingingen. Egal ob das gescheiterte Netzwerk „Ping“ oder der disaströse  „Newton“, jeder greift mal daneben.

All diese Missgeschicke sind zu verzeihen, weil Apple es damals zumindest versucht hat. Dieses mal hingegen – so scheint es mir – hat Apple sich ganz bewusst mit absolutem Mittelmaß zufrieden gegeben. Anders kann ich mir nicht erklären, warum alle guten Konzepte der Vergangenheit über Board geworfen wurden und jede Chance liegen gelassen wurde, an alte Heldentaten anzuknüpfen. Mit dem iPhone 4 führte Apple ein nach wie vor unerreichtes Design in die Smartphone-Welt ein und überraschte mit einer Displaytechnologie, die seiner Zeit Jahre voraus war. Springt man zum heutigen Tag, frage ich mich, ob Apple all das vergessen hat oder ob es nur nicht den Mut hatte, erneut den Sprung ins kalte Fortschrittswasser zu wagen. Wie gern hätte ich ein Retina 2.o gesehen, das erneut die Auflösung verdoppelt. Oder ein Gerät, das ein randloses 4,7 Zoll Display in einem Gehäuse nicht viel größer als das aktuelle iPhone 5S unterbringt. Jedenfalls ein iOS 8 mit echtem Multitasking wäre doch schön gewesen. Stattdessen gibt es ein Gerät, das am schmeichelhaftesten als „Motorola Moto X aus Aluminium“ bezeichnet werden kann und eine Software, die im Wesentlichen aus einer iOS Version von Google Wallet besteht.

Ich hätte mich ja damit zufrieden gegeben, wenn die Auflösung etwas angehoben, der Akku spürbar leistungsfähiger oder die Kamera deutlich hochauflösender geworden wären, aber so wie sich das iPhone 6 jetzt darstellt, wirkt es, also ob Apple es nicht einmal versucht hat. Und das ist es, was mich am Meisten enttäuscht. Sie hätten es so viel besser machen können!

See you frustrated in the comments!

PS: Obiger Screenshot begleitete mich übriges durch 80 % der Keynote auf der Apple-Website. Dazu gesellte sich eine völlig unnötige Übersetzung ins Chinesische. Ich bin ratlos, was das sollte.

3 Kommentare
  1. DMM

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