Android 8 Oreo und Project Treble: Endlich zeitnahe Updates?

Neun Jahre und acht Versionen nachdem Android im Oktober 2008 offiziell veröffentlicht wurde, gab Google Ende August Version 8.0 „Oreo“ frei. Zum zweiten Mal kooperiert Google also mit einem Süßwarenhersteller für die wie üblich nach einem Dessert benannte Android Version (für Version 4.4 nutzte Google bereits den Namen des KitKat-Schokoriegels). Wie üblich dürften bis Ende diesen Jahres nur sehr wenige High-End-Flaggschiffe ein entsprechendes Update erhalten. LG, Motorola und HTC gehörten die letzten Jahre zu den Spitzenreitern, was die Geschwindigkeit der Updates ihrer Flaggschiffe angeht und HTC twitterte auch bereits, dass das HTC U11 bis Quartal 4 2017 ein Update auf Android 8 erhalten würde. Die übrigen großen Hersteller dürften ähnliche Zeiträume anpeilen. Bis Android 8 aber irgendeine nennenswerte Verbreitung erreichen wird, werden Jahre vergehen. Zum Vergleich: Die aktuell verbreitetste einzelne Android Version ist Android Version 6 „Marshmallow“ aus dem Jahr 2016. Der Großteil aller Geräte läuft noch mit der 3 Jahre alten Android Version 5 „Lollipop“ oder älter.

Ich habe mir die letzten Monate die Entwickler Beta von Android 8 angeschaut. Dankenswerter Weise hat LG Deutschland mir dafür ein Nexus 5X zur Verfügung gestellt. Das 5X gehört mit einigen anderen Nexus-Geräten und den aktuellen Pixel Smartphones zu den Geräten, für die aktuell überhaupt schon Android 8 „Oreo“ verfügbar ist. Man könnte jetzt ausschweifend darüber schreiben, welche neuen Features Android 8 „Oreo“ für den Alltag mitbringt. Man könnte auch darüber schreiben, wie Android 8 auf dem zwei Jahre alten Nexus 5X läuft. Beides werde ich am Ende kurz anschneiden, aber – wie die Einleitung und natürlich der Titel vermuten lassen – will ich mich auf das leidige Thema der Updates konzentrieren. Denn Android 8 „Oreo“ bringt hier endlich etwas mit, was in Zukunft tatsächlich zu einer spürbar schnelleren Versorgung mit Updates führen könnte: Project Treble.

Was verspricht Project Treble?

Project Treble steht in der mehr oder weniger stolzen Tradition von anderen wegweisenden Projekten im Android Code. Mit Project Butter wurde 2012 beispielsweise zusammen mit Android 4.1 „Jelly Bean“ endlich systemweite V-Sync und Triple Buffering eingeführt, was dazu führte, dass Android erstmals verlässlich konstante ruckelfreie Animationen und Bedienung bot. Ohne Project Butter wäre das flüssige Android, wie wir es heute kennen, nicht möglich und viele jüngere Nutzende dürften entsetzt sein, wie ruckelig und unsauber sich Android in seinen Anfangstagen einst präsentierte. Welchen beeindruckenden Effekt Project Butter für unser heutiges Android-Bedienerlebnis hatte, zeigt die damalige 2012er Keynote anhand des heute betagten Galaxy Nexus sehr eindrucksvoll.

Project Treble könnte nun der nächste große Meilenstein sein, der eine weitere altbekannte Schwachstelle von Android angeht: Die ewig verzögerten, unzuverlässigen und meist schlicht gar nicht verfügbaren Updates samt der damit einhergehenden Sicherheitsprobleme. Project Treble will dieses historisch extrem miese Update-Chaos dadurch lösen, dass es zwischen Google-Updates und Hersteller-Software trennt. Bisher müssen Updates meist im Zusammenspiel mit Hersteller, Chipdesigner und Mobilfunkanbieter abgesprochen werden und werden dann Monate oder Jahre nachdem der reine Android-Code aktualisiert wurde, an einzelne Geräte ausgerollt. Dieses Prozess lohnt sich natürlich für Samsung, LG, Sony oder HTC nur bei wenigen Geräten.

Der mühsame Weg eines Android-Updates

Dass Apple bei seinen iPhones sehr viel zuverlässiger agiert, liegt schlicht daran, dass Apple historisch eher unabhängig von den Mobilfunkanbietern ist und die gesamte Hardware im iPhone samt Prozessor selbst kontrolliert. Bei Google und Android sind mit Qualcomm, Samsung, Google und anderen eben viel mehr Köche involviert. Wenn auch nur einer nicht mitspielt, gibt es kein Update. Und zwar ohne dass Google daran etwas ändern könnte. Deutlich wurde das etwa bei den Snapdragon 800er Chips von Qualcomm, für die sich Qualcomm 2016 weigerte, neue Treiber für Android 7 „Nougat“ bereitzustellen. Hersteller wie Sony sahen sich dann außer Stande, das damals neue Android 7 „Nougat“ für ältere Geräte auszurollen.

Project Treble will nun erstmals eine klare Grenze zwischen Hardwarebestandteilen und einer neuen Android-Veröffentlichung ziehen. Dafür will Google den HAL (Hardware Abstraction Layer) klarer formulieren und strukturieren und zwischen Kernel sowie Hardware-Subsystemen (Kamera, Audio, WiFi usw.) und Betriebssystem eine nachvollziehe Schnittstelle definieren. Theoretisch sollte das ermöglich, dass nur jene Teile des Betriebssystems aktualisiert werden, die „oberhalb“ dieser Grundfunktionen liegen. Damit wäre ein Geräte-Hersteller sehr viel unabhängiger von z.B. den verbauten Chips und den für diese nötigen Treiber. Updates sollte also günstiger und weniger aufwendig werden. Die Hoffnung ist, dass Hersteller neue Android Versionen bereitwilliger ausrollen und auch Billig-Geräte updaten, die heute schon nach wenigen Wochen ohne weiteren Softwaresupport dastehen. Wer sich für mehr technische Details interessiert, dem empfehle ich den passenden Blogpost von Google sowie die zugehörige Episode des Android Developers Backstage Podcast.

Project Treble: Updates unabhängiger von der Hardware

Ob Project Treble dazu führen wird, dass wir in Zukunft tatsächlich blind jede Samsung-Gurke bei Media Markt oder Saturn mitnehmen können und mehrere Jahre Updates bekommen, wird man sehen. Ich bin natürlich skeptisch. Project Treble macht es den Herstellern zwar einfacher, aber oft genug ist es schlicht der Unwille der Hersteller, selbst halbwegs junge Geräte noch zu supporten. Ich ahne daher, dass wir nur schnellere Updates für wenige Geräte, statt mehr Updates für alle Geräte sehen werden. Project Treble setzt zudem voraus, dass das Gerät bereits mit Android 8 „Oreo“ auf den Markt kam (die einzige Ausnahme sind die auf Android 8 aktualisierten Google Pixel Smartphones). Ich nehme an, dass es bereits bei der Fertigung nötig ist, die Hardware eines Gerätes entsprechend der Vorgaben von Project Treble zu strukturieren. Nur so können spätere Betriebssystemupdates schließlich auf der vorhandenen Unterscheidung zwischen Android und Hardwarecode aufbauen. Bis aber selbst die Einsteiger-Geräte von Samsung & Co. mit Android 8 „Oreo“ erscheinen, dürfte es noch Jahre dauern. Schließlich verkauft Samsung selbst hier und heute noch Geräte mit drei Jahre altem Android 5 „Lollipop“ (etwa Geräte aus der Galaxy J Serie). Trotzdem bin ich froh, dass Google überhaupt Strategien entwickelt, um diese Schwachstelle anzugehen und hoffe, dass Project Treble tatsächlich in die Fußstapfen von Project Butter oder Project Volta treten wird.

Was bringt Android 8 ansonsten?

Die Nutzer-zentrierten Neuheiten von Android 8 „Oreo“ sind ansonsten recht schnell zusammengefasst: Viel Feintuning im Hintergrund, wenig Bahnbrechendes im Vordergrund. Die optisch vermutlich einzig bemerkbare Neuerung ist das neue helle Einstellungen-Menü und der gleichermaßen helle Benachrichtigungen-Bereich. Beides wird bei den allermeisten Geräten, die kein pures Android benutzen, aber ohnehin von den optischen Anpassungen der Hersteller überlagert werden. Ein Fan des neuen hellen Look bin ich ehrlich gesagt auch nicht.

Im Hintergrund hat sich natürlich trotzdem einiges getan. Die für mich interessantesten Neuerungen sind die neue Bild-in-Bild-Video-Funktion und das Feintuning am Pixel-Launcher. Die Bild-In-Bild-Funktion soll es jetzt möglich machen, z.B. Youtube Videos im Fenster weiterlaufen zu lassen, während man andere Apps bedient. Sogar auf reines Hintergrundaudio soll man umstellen können. Bei mir funktionierte das trotz verschiedener Basteleien bisher jedoch nicht.

Die Neuerung am Pixel-Launcher, also dem aktuellen Standard-Homescreen der Google-Flaggschiffe, umfassen u.a. kleine Benachrichtigungs-Punkte an einzelnen Apps und eine standardisierte App-Icon-Größe. Die kleinen Punkte ähnlich den Kennzeichenzählern bei iOS, zeigen anders als die dortigen roten Kreise aber nicht die Anzahl der Benachrichtigungen an. Stattdessen symbolisieren die sich farbig dem App-Icon anpassenden Punkte nur, dass man neue Benachrichtigungen hat und kann diese über die seit Android 7 „Nougat“ vorhandenen App-Shortcuts auch direkt aufrufen. Als ausgesprochener Ordnungsfan bin ich daneben auch sehr froh über die Möglichkeit, App-Icons in ihrer Größe zu normieren.

Das Problem an all den tollen neuen Funktionen des Pixel-Launchers ist natürlich, dass der offiziell weiterhin auf die Google Pixel Smartphones limitiert ist. Wer sich die Neuheiten ansehen will, muss zu einer inoffiziellen Portierung greifen. Selbst auf meinem Nexus 5X, das immerhin schon offiziell auf Android 8.0 „Oreo“, läuft, wird der seit Langem nicht mehr weiterentwickelte Google Now Launcher ausgeliefert. Diese schäbige Vernachlässigung der Google Nexus Reihe hat mich bereits zu einem langen Wutartikel veranlasst und die dortige Kritik halte ich weiterhin aufrecht. Im Übrigen gibt es natürlich noch weitere Kleinigkeiten wie neue Emojis (hässlich), verstärktem Malware-Schutz im Playstore (immer gut) in Kanälen gesammelte Benachrichtigungen (der Sinn erschließt sich mir noch nicht) sowie eine neue Schnittstelle für das automatische Ausfüllen von Passwörtern und ähnlichem.

Wie schlägt sich das Nexus 5X nach zwei Jahren?

Zum Ende noch ein Wort zum Nexus 5X. Seit meinem ursprünglichen Review hat sich hier wenig an meiner Einschätzung geändert. Zwar läuft Android 8 „Oreo“ natürlich stabil und ohne Bugs, aber die nur zwei GB RAM, der träge LCD-Display und das haptisch und optisch wenig schmeichelhafte Äußere lassen das damalige Einstiegs-Nexus mittlerweile nur umso älter wirken.

Einzig die Kamera ist nach wie vor beeindruckend auf Höhe der Zeit und schießt selbst in schlechten Lichtverhältnissen beeindruckend gute Fotos. Wer damals zu teilweisen Spottpreisen von ca. 200  zugegriffen hat, hat heute trotzdem wenig zu meckern und kann sich immerhin zu den wenigen zählen, die bereits offiziell Android 8 „Oreo“ nutzen können. Als eines der beiden letzten Nexus-Smartphones ist und war es aber definitiv kein glorreicher Abschied von der Nexus-Serie. Das Stichwort Abschied trifft es auch deshalb ganz gut, weil Android 8 „Oreo“ das wohl letzte vollwertige Update für das 5X sein wird. Ab jetzt heißt es noch ein Jahr Sicherheitsupdates und dann ist Schluss. Nein, wenn ich mir das so vergegenwärtige, dann wird es höchste Zeit, dass Google u.a. mit Project Treble, das Thema Updates ganz massiv angeht.

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